Hirzenhainer Eisenhütte

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Kunstgießerei
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Werk am Merkenfritzbach
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Die frühen Anfänge der Hütte

 

Bei Hirzenhain in der Wetterau am Rande des Vogelsberges wird bereits 1375 eine Waldschmiedestatt urkundlich erwähnt. In der Folgezeit kam es durch verschiedene Marktveränderungen und Kriege zu einer Krise der Eisenerzeugung. Die Waldschmiede stand für gut 100 Jahre still.

Im 16. Jahrhundert belebte sich die Eisennachfrage wieder. Graf Ludwig zu Stollberg-Königstein ließ 1553 wieder ein Rennwerk und eine Blechhütte erbauen. Der dünn besiedelte Vogelsberg war reich an Wäldern, so dass ein Holzkohlemangel nicht zu befürchten war.   Die Grafen von Stollberg besaßen in Belgien und im Harz bedeutende Eisenhütten, deren Technik der Hirzenhainer Hütte zu Gute kam, so dass die Hirzenhainer Eisen- und Blechhütte bald zur bedeutendste Anlage in Oberhessen wurde. Sie bestand aus einem Hüttengebäude, der Blechhütte (Werk zur Herstellung von Blechen), einem Rennwerk und einem Eisenhammer sowie einigen anderen Gebäuden. Den Antrieb der Blasebälge und des Hammers besorgten drei Wasserräder am Zusammenfluss der Nidder mit dem Merkenfritzerbach. In Hirzenhain beschäftigte das Werk 11 Personen: 1 Vorschmied, 1 Nachschmied, 1 Schmelzer, 1 Steinpocher, 1 Aufgeber, 1 Kohlenmesser und 3 Fuhrknechte. Dazu noch der Hüttenvoigt, der die Arbeiter beaufsichtigte und der Faktor, der eigentliche Betriebsleiter. Die Arbeitskräfte bekamen einen Vertrag für ein Jahr bei halbjährlicher Kündigungsfrist. Der Vorschmied erhielt in der Woche 16 Albus, die anderen Arbeiter zwischen 1 und 1 ¾ Gulden. Nur der Faktor erhielt ein Jahresgehalt, das ca. 50 Gulden plus Naturalzuschläge für Nahrungsmittel und Viehfutter.

   Die Herstellung von Eisenblech erwies sich auf Grund der Eigenschaften des heimischen Erzes als ungeeignet, so dass die Blechherstellung nach hohen Verlusten aufgegeben wurde.

Im Jahre 1557 übernahm der Faktor Johan Georg Hertling die bis dahin unter fiskalisch betriebene Hütte in Pacht und wurde damit selbst zum Unternehmer. Die Eisenerzeugung vervierfachte sich von ca. 15 000 kg jährlich in den folgenden Jahrzehnten um das Vierfache. 1560 gab Hertling das Werk wieder ab. Kaspar Lißmann, übernahm 1562 das Werk als neuer Faktor, dann pachtete er die Hütte und betrieb sie bis 1585 auf eigene Rechnung. Er konnte die Ausbringung der Hütte unter seiner Regie auf ca. 50 000 kg im Jahr steigern. Auch die Qualität seiner Erzeugnisse konnte Lißmann durch eine bedeutende Verbesserung des Produktionsverfahrens dermaßen erhöhen, dass die Hütte allen anderen Waldschmieden hoch überlegen war.

Die hohe Ausbringungsmenge zwang die Hirzenhainer Hütte, ihre Produkte zu exportieren. Außer auf den Messen in Frankfurt und Nürnberg wurde das Eisen auch zu den wichtigen Ausfuhrhäfen Lüttich und Antwerpen geliefert.

 

Der Wandel im Hüttenbetrieb ab den Dreißigjährigen Krieg

 

   Wie auch anderen Hütten, so litt das Hirzenhainer Werk unter dem 30-jährigen Krieg dermaßen, dass es 1629 zum Erliegen kam. 1650 wurde es wiederaufgebaut und zunächst vom Landesherrn fiskalisch betrieben. Die Hütte blühte nach der Fertigstellung der Aufbau- und Modernisierungsmaßnahmen im Jahre 1652 schnell auf, und 1678 wurde auf ihr der erste Hochofen errichtet. Bei diesem Hochofen bestand das Rauhgemäuer aus abgerundeten Steinen, deren Zwischenräume mit Lehm abgedichtet waren. Die Außenwände wurden durch schmiedeeiserne Anker zusammengehalten. Technisch wurden in Hirzenhain zwei unterschiedliche Frischverfahren nebeneinander angewendet, um ein schmiedbares Eisen zu erzeugen: 1. Das Läutern: Hier wurde Alteisen und Schrott dem Ofen zugegeben. Der Sauerstoff im Rost oxydierte mit dem Kohlenstoff des Roheisens zu CO2 und verbesserte damit die Qualität des Schmiedeeisens. 2. Das wallonische Frischverfahren. Hierbei wurde das Roheisen in zwei getrennten Öfen geglüht und verfrischte dadurch.

   Neben Schmiedeeisen und den üblichen Gussprodukten ließ sich Graf Ludwig Georg zu Stollberg-Königsstein extra Thüringer Gewehrhersteller nach Hirzenhain kommen, um Musketen für die Bewaffnung der Landmiliz herzustellen. Sehr beliebt waren auch die gegossenen Ofenplatten mit antiken und biblischen Motiven. Zur Gestaltung dieser Motive wirkten Künstlerfamilien mehrerer Generationen, wie z.B. die von Christoph Sorge, Johann Conrad Bender oder Philipp Soldan aus Frankenberg mit. Sie schnitzen ihre Motive in Holztafeln, die in den Formsand gedrückt wurden

   Nach dem Bau des Hochofens erwies ich das aus den herrschaftlichen Gruben der Gegend bezogene Erz für die Herstellung eines guten Schmiedeeisens als nicht geeignet. Daher wurde auf Anweisung des damaligen Pächters der Hütte, Simon Sauerbrey, nur noch Eisenstein aus den Gruben der Herrschaft Hungen bezogen. Die Erzeugung eines guten Eisens in Hirzenhain war Graf Christoph Ludwig von Sollberg jedoch so wichtig, dass er 1673 mit dem Grafen Moritz von Solms einen Vertrag über den Bezug von Eisenerzen aus der Grafschaft Solms-Hungen für die nächsten 12 Jahre schloss.

   Das Eisenwerk in Hirzenhain bedeutete nicht nur die Vermehrung seiner Finanzen, auch die Arbeiter und deren Familien profitierten davon. Ein ungelernter Arbeiter auf der Hütte oder im Bergwerk, der zu der niedlichsten sozialen Schicht gehörte, verdiente mit etwa 5 Albus, so viel, wie ein gelernter Zimmermann.

   Das Werk in Hirzenhain kam aus den Kriegswirren des 30-jährigen Krieges ziemlich glimpflich davon, weil der Ort am Rande des Vogelsberges nicht im Hauptgebiet der Truppenbewegungen lag.

   Nach dem 30-jährigen Krieg kam es zu vorsichtigen Ansätzen von sozialen Sicherungssystemen, aber es war dennoch schwierig, die Arbeitskräfte auf der Hütte zu halten. Der eine Generation lang dauernde Krieg hatte die Sitten und Arbeitsmoral stark sinken lassen. Der Absatz von Roheisen und Gussprodukten stagnierte noch lange Zeit, so dass der Landesherr die Einfuhr von Metallprodukten aus den benachbarten Fürstentümern und Grafschaften untersagte. Der allgemeine Geldmangel nach dem Krieg führte dazu, dass die Hütte wieder von ihrem Landesfürsten betrieben oder zumindest von ihnen unterstützt wurden.

   Im 18. Jahrhundert kam es, vor allem als Folge des 7-jährigen Krieges, durch wirtschaftlichen Veränderungen, besonders aber durch das Fehlen einer ordnungsmäßigen Buchführung und Kostenrechnung, zu starken Absatzschwierigkeiten und Verlusten. Auch erschwerte das Importverbot anderer Länder für Zaineisen und Nägel den Absatz der Hütte. So hatte sich der Pächter Neuburger mit der Pachtung der Hütten von Hirzenhain, Büdingen und der Friedrichshütte bei Laubach dermaßen übernommen, dass die Hütten nur unter großen Schwierigkeiten an andere Bewerber verpachtet werden konnte.

   Da es anderen Hütten des Lahn-Dill Reviers nicht besser ging, versuchten die Inhaber der Hütten zu gemeinsamen Preisvereinbarungen über die Verkaufspreise von Roheisen und Eisenguss zu kommen, an denen auch der Inhaber der Hirzenhainer Hütte, Beck von Büdingen, teilnahm. Man konnte sich jedoch nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen.

 

Beginn der Ära Buderus

 

Im Oktober 1817 übernahm die „Sozietät Johann Wilhelm Buderus Söhne“ und als deren Vertreter Georg Buderus I pachtweise die Über­nahme des Hirzenhainer Werkes. Buderus, Inhaber der Friedrichshütte bei Laubach, hatte in den Freiheitskriegen gegen Napoleon mit Waffenlieferungen ein Vermögen erwirtschaftet. Nun trachtete er danach, die Grubenfelder und Hüttenwerke Oberhessens in seine Hand zu bekommen. Das Werk bestand bei Übernahme aus dem Schmelzgebäude, in dem der Hochofen stand, einem Stabhammer mit zwei Feuern, einem Zainhammer, sowie dem Pochwerk, einem Formhaus, sowie Wohngebäude für das Personal, Lagerräume und Ställe. Das Werk beschäftigte zwischen 25 und 30 Mitarbeiter.

   Der Hochofen und das Schmelzgebäude ließ Buderus 1831/32 neu errichten und in den Jahren 1835/36 ein neues Verwaltungsgebäude und ein Kupolofen. Alle veralteten Blasebälge ließ er durch Zylindergebläse ersetzen. 1829 übernahm der noch junge Bergrat Georg Carl Theodor Buderus (1808 – 1873) die Verwaltung der Hirzenhainer Hütte. In den 1830er Jahren kam es zwischen den einzelnen Stämmen von Buderus immer wieder zu Streitigkeiten über die Anteile am Unternehmen. In einem Gespräch am 11. November 1835 in Hirzenhain wurden die Besitzverhältnisse notariell geregelt. Hierbei wurden Bergrat Georg C. Th. Buderus II und Richard Buderus (1814 – 1871) die Hirzenhainer Hütte zugesprochen. Das Hauptwerk von Buderus, das die anderen Brüder erhielten, hatte ihren Sitz auf der Main-Weser-Hütte in Lollar, von wo aus im Wesentlichen das gesamte Familienunternehmen gesteuert wurde.

   1838 übernahmen die beiden Brüder die Hirzenhainer Hütte für ca. 8300 Gulden in Erbleihe. Erst 1873 wurde das Erbleihverhältnis mit dem Grafen zu Stolberg-Ortenberg gelöst und die Hirzenhainer Hütte ging in das unbeschränkte Eigentum der Gebrüder Buderus über.

Buderus investierte 40 000 Gulden in das Werk in Hirzenhain und nahm 1836 den ersten Kupolofen in Betrieb.

 

Notlagen und Konzentrationsbemühungen im 19. Jahrhundert

 

Im Jahre 1851 kam es mit Beteiligung von Richard Buderus zu einer einheitlichen Regelung der Eisenpreise, dem Verkaufskartell „Verein zum Verkauf nassau’schen Roheisens“. Der Verein hatte nicht nur die Aufgabe, das krasse Missverhältnis zwischen Produktionskosten und Verkaufserlösen zu beheben, sondern auch die allgemeinen Belange der angeschlossenen Betriebe wahrzunehmen.

   Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es in Deutschland immer besser, die Roheisenverhüttung mit Koks technisch in den Griff zu bekommen. Das gelang vor allem Unternehmen, wie z.B. Buderus, die viel Kapital in die Entwicklung dieses Verfahrens investieren konnten. Diese Technik war in England schon lange geläufig und verschaffte dem englischen Roheisen bis dahin eine Vormachstellung auf dem europäischen Markt. Mit dem Aufkommen der Roheisenerzeugung mittels Koksbetrieb stagnierte zwangsläufig auch die Roheisenerzeugung mittels Holzkohleverhüttung im Hirzenhainer Hochofenwerk. Daher entschloss man sich, mehr Gussprodukte aus erster Schmelzung zu erzeugen, was bei der immer besseren Hochofentechnik sehr wirtschaftlich war. Mit dem allmählichen Übergang zur Gusserzeugung aus erster Schmelze wurden in Hirzenhain nur noch geringe Mengen von Gussprodukten in zweite Schmelzung (durch Kupolöfen) erzeugt. Die Notlage der Eisenindustrie drängte geradezu in die Richtung der Veredelung von Gussprodukten.

 

Strukturveränderungen- Hugo Buderus

 

Hugo Buderus (1841-1907), Bruder des Geschäftsführers Georg Buderus III, widmete sich intensiv dem Gießereiwesen. 1850 begann er im Hirzenhainer Werk mit 50 Arbeitern und produzierte 1861 insgesamt 125 t Gusseisen aus erster und zweiter Schmelzung zur Herstellung von Maschinenteilen. Daneben übernahm die Hirzenhainer Hütte für den Buderus-Konzern die gesamte Stabeisenerzeugung, nachdem das Buderuswerk in Lollar sukzessive den Frischbetrieb aufgegeben hatte. Das gab dem Hirzenhainer Werk neue Produktionsimpulse, so dass die Mitarbeiterzahl 1869 bereits auf 116 Mann gestiegen war.

   Im Dezember 1874 trat Hugo Buderus als geschäftsführender Gesellschafter neben seinem Bruder Georg in die OHG der Gebrüder Buderus ein. Hugo Buderus stand dem Hüttenbetrieb vor. Seine große Leidenschaft für das Gießereiwesen half ihn, das abseits der Hauptverkehrswege gelegenem Werk durch alle wirtschaftlichen Klippen zu führen. Dazu ließ er die Gießerei konsequent auf Kupolofenbetrieb umstellen. 1875 waren im Hirzenhainer Gießereiwerk drei Kupolöfen im Einsatz. Zunächst blieb jedoch die Hochofengießerei bis in die 1870er Jahre vorherrschend. Mit der Produktion aus erster Schmelzung erreichte die Hütte im Jahre 1872 mit 1109 t einen Höhepunkt. Von da ab folgte ein stetiger Abfall, so dass der noch mit Holzkohle unwirtschaftlich betriebene Hirzenhainer Hochofen allmählich heruntergefahren und schließlich 1877 ausgeblasen wurde. 1880 wurde er noch einmal in Betrieb genommen, aber 1882 endgültig stillgelegt. Auch wurden der Frisch- und Großhammerbetrieb wegen Unwirtschaftlichkeit 1885 ebenfalls eingestellt. Damit endete die Geschichte des Hochofenwerkes in Hirzenhain. Aus der Hochofenhütte war ein reiner Gießereibetrieb mit Kupolofenbetrieb geworden, die ihr Roheisen aus dem Hochofenwerk in Lollar bezog.

 

  Die Konzentration auf den Gießereibetrieb brachte Ende der 1870er Jahre eine grundlegende Verschiebung in der Gattierung (Zusammensetzung der Schmelzprodukte im Kupolofen) mit sich. Die Hirzenhainer Hütte bezog für die Erzeugung von Eisen, das sich zu Poterie-, Ofen- und feinerem Maschinenguss eignete, 30% Marke I A und 30% Marke 1 C von der Main-Weser-Hütte sowie 40 % Brucheisen auf dem freien Markt. Das Gießereiroheisen wurde wegen der geringen Entfernung zu Main-Weser-Hütte die Grundlage des Gießereiwerkes. Das von den Buderus-Wer­ken gelieferte Gieße­rei­roheisen verlangte im Schmelz­prozess zwar eine außergewöhnlich exakte Behandlung und Kon­trolle der Schmelzung, lieferte dann aber ein unübertroffenes Produkt. Die Maschinenwerkstätte in Hirzenhain verarbeitete 1876 bei einer Belegschaft von 23 Mitarbeitern insgesamt ca. 100 t Eisenguss und ca. 30 t Eisen und Stahl. Die Werkstätte befasste sich hauptsächlich mit der Herstellung von landwirtschaftlichen Maschinen, die in der fruchtbaren Wetterau mit ihren ausgedehnten Agrarflächen stark nachgefragt wurden.

   Daneben beschäftigte man sich in Hirzenhain mit der Weiterentwicklung und Produktion des von dem Frankfurter Ingenieur Franz Lönholdt patentierte Regulier-Füllofens. Hierbei handelte es sich im Prinzip um einen amerikanischen Füllofen mit ununterbrochener Feuerung, dessen abgehende Wärme zu Kochzwecken ausgenutzt werden konnte, ohne dass am Ofen ein extra Ansatz dazu angebracht werden musste.

 

Die Weiterentwicklung dieses Ofens war so revolutionär, dass Buderus dafür auf der Frankfurter Patent- und Musterschutz-ausstellung die höchste Auszeichnung der Branche erhielt. Die Lönholdt-Öfen waren so erfolgreich, dass sie bald in über einhundert Ausführungen, ab den 1890er Jahren, auch vernickelt und/oder emailliert, in alle Welt exportiert wurden.

   Wirtschaftlich hatte die Hirzenhainer Hütte die Umstellung vom Hochofenbetrieb auf reinen Gießereibetrieb so gut überstanden, dass 1876 ein Reingewinn von 35 876 Mark erzielt wurde.

   Nachdem die Buderus oHG 1884 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, erfolgten umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen. In Hirzenhain wurde 1885 nach Aufgabe des alten unwirtschaftlichen Hammerbetriebes die Eisengießerei vergrößert. Die Ausnutzung der Wasserkraft wurde durch eine Turbinenanlage wesentlich verbessert und ein neuer, größerer Kupolofen ergänzte die Modernisierung. Die Gießerei erhielt ein völlig neues Gebäude und neue Einrichtungen, so dass die Leistungsfähigkeit deutlich zunahm. Im Jahre 1888 wurde endlich die neue Eisenbahnlinie von Stockheim nach Gedern eröffnet, die die Verbindung der Hirzenhainer Hütte mit den oberhessischen Bahnen herstellte. Damit keimte eine neue Hoffnung für das verkehrsungünstig gelegene Werk auf.

 

Krisen im Werk und in der Familie

 

Der Absatz der Lönholdt-Öfen hatte 1889 mit 4751 Stück einen Höhepunkt erreicht und sank dann zunehmend, da das Aufkommen der Gasöfen und Zentralheizungen auf dem Heizungsmarkt eine neue Ära einläuteten, die den alten Kohleofen mehr und mehr verdrängte. Buderus vermochte der neuen Entwicklung nicht zu folgen, da die 1884 gegründete AG über zu geringe Mittel verfügte, um sich konsequent auf die neuen Erfordernisse einzustellen. Da die wirtschaftliche Lage in den 1890er Jahren stagnierte, geriet auch die Buderus AG unter Georg Buderus in Lollar so in Schwierigkeiten, dass Georg ein Angebot von Hugo Buderus aus Hirzenhain annahm, ihm das gesamte Hirzenhainer Unternehmen, das Bestandteil der Familien AG war, zu verkaufen. Das Hirzenhainer Unternehmen von Hugo Buderus wurde unter der Firma „Eisenwerk Hirzenhain H. R. Buderus“ geführt. Hugo Buderus war nun alleiniger Privatunternehmer der Werke.

   Nach dem Tode von Georg Buderus versuchte dessen Nachfolger, Friedrich Schiele, das hochverschuldete Unternehmen zukunftsweisend zu strukturieren. Das einzige Unternehmen der Familie Buderus, das noch Gewinne abwarf, war die Hirzenhainer Hütte von Hugo Buderus. Das „Eisenwerk Hirzenhain H. R. Buderus“ war 1895 in die Aktiengesellschaft „Eisenwerk Hirzenhain, vormals H. R. Buderus“ umgewandelt worden. Hugo Buderus besaß nahezu die gesamten Aktien in Höhe von fast 1 Millionen Mark. Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde Friedrich Schiele.

   Zur Sicherung der anderen Buderus-Werke erwarb das „Eisenwerk Hirzenhain, vormals H. R. Buderus“ die Main-Weser-Hütte in Lollar. Die neue Firma trug den Namen: „Eisenwerke Hirzenhain & Lollar“. Sitz der Gesellschaft war Hirzenhain mit einer Zweigniederlassung in Lollar. In diesem Zusammenhang trat Hugos jüngerer Bruder Karl als Vorstandsmitglied in die AG ein.

   Zwischen den Gießereien in Hirzenhain und Lollar entwickelte sich eine Arbeitsteilung. Während man sich in Lollar auf den Zentralheizungsguss und den Bau- und Maschinenguss konzentrierte, wurden in Hirzenhain die legendären Lönholdt-Öfen sowie Irische und andere Öfen und Sonderanfertigungen hergestellt. Man blieb jedoch lange bei den alten Modellen und hielt nicht mit der Entwicklung Schritt. Dadurch wurden die Hirzenhainer Öfen immer mehr aus dem Wettbewerb herausgedrängt, was durch die ungünstige Verkehrslage noch beschleunigt wurde. Auch die Herstellung der landwirtschaftlichen Maschinen wurde trotz aller Bemühungen rückläufig. Der Bau von Kleinmotoren, die mit Petroleum- oder Gas betrieben wurden, musste weitgehend aufgegeben werden, da es in der Gegend keine geeigneten Arbeitskräfte für diese neue Technik gab. Hugo Buderus erwarb 1896/97 die Hofmühle und die Klostermühle bei Hirzenhain und baute sie zu einem Holzverarbeitungs-betrieb um, der Parkett produzierte. Aber auch diese Entscheidung brachte nur Verluste. Um mit neuen Produkten wieder Erfolge zu erreichen, entschloss sich Hugo Buderus zu einer Aufstockung des Eigenkapitals um 1 Million Mark. Dazu führte er das Hirzenhainer Werk nach einer Sanierung wieder mit der Main-Weser-Hütte in Lollar zusammen. Er hoffte auf eine Geldspritze aus Lollar, dessen Werk mit den neuen Produkten für Zentralheizungen wieder Gewinne erzielte. Der Aufsichtsrat in Lollar war aber dazu nicht geneigt und erwog sogar 1902 die Schließung der Hirzenhainer Hütte. Da Hugo Buderus in diesem Fall keine Rendite aus seinen umfangreichen Stammaktien mehr erhalten hätte, entschloss er sich, die Hirzenhainer Hütte zurück zu kaufen. Im März 1903 wurde der Vertrag geschlossen. Das Werk firmierte danach unter „Eisenwerke Hirzenhain Hugo Buderus“ 1919 wurden die „Eisenwerke Hirzenhain Hugo Buderus“ wieder in das Lollarer Unternehmen angegliedert.

    Hugo Buderus hatte jedoch das Werk seit der Übernahme in den Privatbesitz im Jahre 1903 völlig umgebaut und modernisiert. Zu Beginn des Jahres 1903 umfasste der Betrieb die Eisengießerei, Beschlagswerkstätten für Öfen, die Emaillemalerei, die Schleiferei und Vernickelung für Ofenteile, die Maschinenwerkstatt und die Modellwerkstätten. In den Gießereien wurden Zimmeröfen, und Heizeinsätze, Poterie-, Handels- und Maschinenguss hergestellt. Die Maschinenwer-kstatt lieferte landwirtschaftliche Maschinen, Gas- und Petroleummotoren und Auftragsteile für die benachbarte Keramik-industrie. 1903 wurden 1315 t Gusswaren erzeugt. Das Werk beschäftigte in jenem Jahr 281 Arbeiter. Ab 1903 begann der Ausbau mit der Errichtung eines Emaillierwerkes, bestehend aus Misch-, Schmelz- und Mühlenraum zur Gewinnung der Emaille und aus Arbeits-, Trocken- und Brennraum zur Herstellung der Emailleüberzugs von Gusswaren. Zum Brennen der emaillierten Gusswaren dienten Muffelöfen, während die Emaillemasse in Tiegelöfen geschmolzen wurde.

Für den Guss von Badewannen ließ Hugo Buderus 1904 eine neue Gießhalle mit zugehörigen Nebenbetrieben errichten. Die ersten emaillierten Badewannen wurden bereits 1904 ausgeliefert.

   Auf dem Gebiet des Emaillierens vollzogen sich zu der Zeit rasante Neuerungen, die immer neue Anlagen erforderten.

 

Tod von Hugo Buderus und die neue Rolle der Hirzenhainer Hütte

 

1907 verstarb Hugo Buderus. Seine Erben wandelten das Privatunternehmen in eine GmbH, die „Eisenwerke Hirzenhain Hugo Buderus G.m.b.H.“ um. Vorsitzender des Aufsichtsrates wurde sein Schwiegersohn, Freiherr Adalbert von Starck.

   Zunächst widmete man sich dem Sanitärguss und baute die Emaillieranlagen weiter aus, denn die Nachfrage nach Badewannen stieg rasant. 1907 wurden 1202, 1908 schon 2231 Stück verkauft. Die Produktion stieg bis 1911 auf fast 7000 Badewannen. Das Unternehmen schloss Lizenzverträge mit Werken in Österreich, Ungarn, Italien, Spanien und Brasilien ab.

   Die Ofenabteilung wurde 1910 um die Herstellung von Blechherden erweitert und 1909-1910 ein großes, dreistöckiges Lagerhaus für Öfen und Herde errichtet. 1012 produzierte das Hirzenhainer Werk 5313 t Gusswaren im Wert von 2,56 Millionen Mark.

   Auf Grund der hohen Anzahl der Produzenten von Öfen wurde 1912 unter Mitwirkung des Hirzenhainer Werkes die „Vereinigung Deutscher Ofenfabrikanten“ in Köln gegründet. Diese Interessenvertretung sorgte sich sowohl um die wirtschaftlichen, als auch um die betrieblichen Belange der Mitgliedsunternehmen sowie um die sozialen Fragen in den Betrieben.

   Als soziale Einrichtungen entstand eine Konsumanstalt für die Werksangehörigen und ein Badehaus mit Dusch- und Wannenbädern für die allgemeine Benutzung. Dieses im Jugendstil errichtete Gebäude zählt heute zu den Schätzen hessischer Industriearchitektur.

 

Auch die die elektrische Stromversorgung hielt im Hirzenhainer Werk Einzug. Dazu wurde die Wasserkraftanlage des zuvor erworbenen Holz- und Basaltwerkes Margarethental für die Stromversorgung der Anlagen ausgebaut. Das Holz- und Basaltwerk legte man still. Auf dem Eisenwerk diente eine neue Umformeranlage zum Anschluss an das Überlandwerk Oberhessen. 1913 floss der erste Strom durch die Leitungen.

Die Hirzenhainer Hütte war 1914 technisch in einem zukunftssicheren Zustand. Die Auftragsbücher waren voll. Das Unternehmen beschäftigte 546 Arbeiter und 61 Beamte.

 

Die Zeit zwischen den Weltkriegen

 

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges traf das Werk in seiner besten Entwicklung. Die Umstellung auf Heereslieferungen erfolgte mit gemischten Gefühlen. Für die Aufrechterhaltung der alten Produktionslinien fehlte bald das Rohmaterial, da Kupfer, Nickel und andere Buntmetalle nicht mehr erhältlich waren. So begann das Werk zunächst mit der Herstellung von Granaten aus Grauguss. Kessel, Schützengrabenöfen. Artikel für die Feldkücheneinrichtungen wurden aus Eisenguss mit Sonderemaillierungen produziert und die Produktion von Maschinen- und Motorenguss für Unterseeboote aufgenommen.

   Da ein großer Teil der Fachkräfte zum Kriegsdienst eingezogen worden war, konnte die Produktion nur beschränkt mit Frauen und Kriegsgefangenen aufrechterhalten werden. Darunter litt die Gussproduktion, die 1918 mit 2014 t einen Tiefstand erreichte.

   1919 übernahmen die Buderus’schen Eisenwerke das gesamte Gesellschaftskapital der Eisenwerke Hirzenhain GmbH in Höhe von 2 Millionen Mark im Austausch gegen Buderus-Aktien in gleicher Höhe. Nach diesem Kauf durch die Buderus’schen Eisenwerke in Lollar blieb das Eisenwerk Hirzenhain als rechtlich selbständige Gesellschaft bestehen.

   Nachdem das Hirzenhainer Werk nun wieder finanziell gesicherter war, wurde vor allem der Emaillierbereich in den Jahren 1920/21 großzügig ausgebaut. Für die Wasserversorgung wurde 1924 ein Wasserturm und 1926 ein fünfgeschossiger Stahlbetonbau errichtet, in dem die Beschlagwerkstätten für Öfen und Einsätze sowie andere Werkstätten, Lager und Versandeinrichtungen vereinigt wurden. Dieses Gebäude ermöglichte die modernste Form der Produktionslogistik, da alle Werkstätten, Vernickelungsanstalt und Emaillierwerk z.T. über Paternosteraufzüge in den Produktionsprozess eingebunden werden konnten. Insgesamt wurde die Leistungsfähigkeit des Betriebes ab 1926 im Bereich des Sanitärgusses rationalisiert und auf vollautomatisierten Serienbetrieb umgestellt. Bei der Ofenerzeugung reduzierte man die Modellvarianten.

   Das Hirzenhainer Werk gliederte sich nach der Umstellung in die drei Gruppen:

1.  Eiserne Öfen und Einsätze

2. Porzellan-emaillierte Badewannen

3. Porzellan-emaillierter Sanitärguss.

   Die schwere Zeit der Wirtschaftskrisen Ende der zwanziger bis Anfang der 30er Jahre überstand das Hirzenhainer Werk relativ gut. 1932 wurde, offensichtlich als Folge der wirtschaftlichen Probleme, die eigenständige Existenz des Hirzenhainer Werkes durch Übernahme des gesamten Vermögens durch die Buderus’schen Eisenwerke in Lollar aufgegeben. Von diesem Zeitpunkt an erfolgte der Verkauf der Hirzenhainer Erzeugnisse vereinbarungsgemäß durch die Zweigniederlassung in Essen-Kray.   

   Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste die Produktion wieder auf Kriegswirtschaft umgestellt werden. Da man zunächst nur von einer kurzen Kriegsdauer ausging, änderte sich an der Produktion in Hirzenhain nur wenig. Auch die Materialbewirtschaftung betraf das Hirzenhainer Werk nur wenig, da der Sanitärguss stark exportorientiert war und damit begehrte Devisen einbrachte. 1942 erfolgte dann doch die Umstellung auf die Kriegsproduktion. Das Hirzenhainer Werk wurde an die Breuer-Werke in Frankfurt-Höchst, einem Werk des Buderus Konzerns, verpachtet. Dieses stellte Großmaschi-nen, Pumpe, Wasserturbinen und kleine Lokomotiven her. Kriegsbedingt wurden Gussstücke für überschwerere Antriebs-maschinen und Stromerzeugungsgeneratoren hergestellt. Das Sanitärwerk konnte eingeschränkt weiter produzieren.

 

Strukturänderungen nach 1945

 

1945 gaben die Amerikaner die Produktion von Gütern des täglichen Bedarfs frei und ließen durch Werksangehörige in der Umgebung zerstörte Anlagen reparieren bzw. verschrotten. Im Februar 1946 wurde der Pachtvertrag mit den Breuer-Werken gelöst und die vorgesehene Friedensproduktion lief wieder an. Neben Öfen, Haushaltsgeschirr, Emaille und sanitärer Guss wurden Kreiselpumpen und Schraubstöcke hergestellt. Ein völlig neuer Produktionsbereich, die Kunstgießerei, wurde 1950 in einer Feierstunde ihrer Bestimmung übergeben.

   Der zunehmende Wirtschaftsaufschwung verlangte neue Produkte, u.a. spezielle Stahlfeingussteile, die ab 1954 mit Hochdruck gefertigt wurden. Die Produktion explodierte regelrecht, so dass der Arbeitskräftemangel Sorge bereitete. Im Sommer 1960 trafen die ersten Gastarbeiter aus Griechenland ein und ersetzten den fehlenden Bedarf. Die Zunahme der Zahl der Mitarbeiter führte zu einem Wohnungsmangel, so dass Buderus, wie auch an anderen Standorten, mehrere Gebäude für Wohnungen der Mitarbeiter errichtete, eine Aufgabe, der sich Buderus schon früher widmete.   Durch die Entwicklung neuer Lackierverfahren veraltete die alte Emailliertechnik in Hirzenhain und wurde 1967 teilweise aufgegeben. Auch im Sanitärbereich setzten sich neue Produkte durch. 1975 lief die Fertigung von Acrylglas-Badezimmereinrichtungen an. Die Emaillierung nach den neuen Verfahren wurde ab 1976 auf die Innenflächen von Abflussrohren und Formstücken als zusätzliches Programmangebot übertragen. Im Spätsommer 1978 musste daraufhin die Kupolofenanlage demontiert werden, da sanitäre Erzeugnisse aus Grauguss nicht mehr wirtschaftlich hergestellt werden konnten. Damit die Arbeitsplätze erhalten blieben. wurde als Ersatz eine Aluminiumgießerei in Betrieb genommen. Aluminium war das Material dieser Zeit und verkaufte sich sehr gut. Die Belegschaft, die in den Kriegsjahren, wo viel Handarbeit nötig war, etwa 1000 Mitarbeiter betrug, verringerte sich durch die Automation bis 1981 auf etwa 500 Arbeitskräfte.

 

Das Ende

 

Infolge des Strukturwandels der Stahlindustrie, aber auch in der Neuausrichtung auf dem Heizungsmarkt, übernahm der Elektrokonzern Bosch bis 2005 den Buderus-Konzern.  Die „Bosch Thermotechnik“ trennte sich als Elektrokonzern von allen Gussproduktionen, so dass in Hirzenhain nur noch die Herstellung von Öfen und Ofeneinsätzen sowie die relativ eigenständige Kunstgießerei verblieben. Das Ende des Hirzenhainer Werkes war absehbar. Den Mitarbeitern wurde im Werk Lollar eine Stelle angeboten, wovon ein Teil von ihnen Gebrauch machte. Am 29. Juni 2011 war dann mit der letzten Schicht, es waren noch 44 Mitarbeiter im Werk, das Ende gekommen. 31 Mitarbeiter wechselten nach Lollar, 13 wurden mit einem Sozialplan ausgestattet entlassen. Dem Landrat des Wetteraukreises, Joachim Arnold, war es gelungen, dass die Kunstguss-Produktion in Hirzenhain erhalten blieb. In der Folgezeit wurden alle Geräte und Einrichtungen demontiert und nach Lollar gebracht. 2015 wurde auch die Kunstgießerei geschlossen.