Die Aßlarer Hütte - Berkenhoff & Drebes

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Villa Drebes
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Villa Drebes, 1920er J
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Seit 450 Jahren wird in Aßlar bei Wetzlar Eisen in Hochöfen erzeugt und verarbeitet. Die Hütte in Aßlar war die Kanonenschmiede des 30-jährigen, 7-jährigen und unzähliger anderer Kriege. Die Hütte hatte eine wechselvolle Geschichte mit vielen unterschiedlichen Eigentümern. Vor 120 Jahren begannen Carl Berkenhoff und Paul Drebes ein Drahtziehunternehmen zu gründen und führten es mit vielen Innovationen zu einer Blüte mit bis zu 1350 Beschäftigten. Seit 50 Jahren ist das Unternehmen nicht mehr in Familienbesitz. Mit in rascher Folge wechselnden EEigentümern sieht das Unternehmen einer unsicheren Zukunft entgegen.

 

Im Jahr 1587 errichtet Konrad, Graf zu Solms-Braunfels, die Asslarer Hütte. Sie entwickelte sich in wenigen Jahren zum bedeutendsten Hüttenwerk zwischen Fulda und dem Mittelrhein, denn sie war die mittelhessische Rüstungsschmiede dieser unruhigen Zeit. Konrad wollte seine Waffen nicht im Ausland kaufen und förderte daher die eigenen Rüstungsbetriebe großzügig. Umfangreiche Lieferungen von Kanonen, Munitionen und Artilleriebedarf wurden bald weit über den hessischen Kleinstaat hinaus geliefert. Zum Betrieb der Hütte reichten zunächst 3 Mitarbeiter.

 

Als die Nachfrage stieg, warb Graf Konrad aus dem Siegerland Johann Hüttenhenn als Hüttenmeister und Geschützgießer an. Er errichtete 1604 zwei 12 m hohe, miteinander gekoppelte Hochöfen, die ersten in Deutschland. Mit ihnen war es möglich, das Eisen so flüssig zu schmelzen, dass es in eine Form gegossen werden konnte. Durch diesen Innovationssprung konnte die Hütte die Produkte schneller und präziser herstellen. Hüttenhenn überschmiedete die gegossenen Kanonen und Kugeln, so dass sie den Produkten anderer Hersteller überlegen waren. Der Ruf des Asslarer Werks als Kanonenfabrik verbreitete sich schnell. Die Technik der Kopplung zweier Hochöfen wurde kurze Zeit später in Holland und Schweden übernommen. Graf Johann d.Ä. von Nassau-Dillenburg schwärmte: das nassausche Gusseisen sei „das beste Eisen, so in Deutschland zu finden ist“. Die Buchführung wies für 16 Wochen eine Produktion von 3360 Zentner Roheisen aus. Für 1 Zentner wurden 1 Gulden erlöst, zusammen 3360 Gulden Erlös. Die Kosten dafür betrugen 1268 Gulden, so dass ein Rohgewinn von 2092 Gulden erzielt wurde.

   Graf Wilhelm I. von Solms-Braunfels-Greifenstein machte Greifenstein mit Produkten der Hütte uneinnehmbar und befestigte Wien und Prag. Anfang des 17. Jahrhunderts waren auf der Hütte 35-40 Mann beschäftigt.

Trotz immer wieder auftretenden Zahlungsschwierigkeiten überstand die Hütte als Kanonen- und Munitionsfabrik den 30-jährigen Krieg.

Nach dem Krieg geriet die Hütte in eine finanzielle Schieflage. Graf Moritz von Solms verpfändete zur Kapitalbeschaffung die Gesamtproduktion von drei Eisenhämmern. Hüttenverwalter Martin Kellner, der Großvater des Optikpioniers Karl Kellner aus Wetzlar, verwaltete die Hütte mit großer Zähigkeit und führte sie wieder in schwarze Zahlen.

Der steigende und immer knapper werdende Holzbedarf zwang die Hütten zur Umstellung auf die Verwendung von Koks als Heizmaterial.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert ließen sich auf der Asslarer Hütte die beiden Drahtzieher Wilhelm Kaldeweg und Simon Michel aus Altena in Westfalen nieder. Graf Wilhelm Moritz von Solms hatte sie aus ihrer Heimat abgeworben, um einen neuen Industriezweig anzusiedeln. Auch ein Drahtzieher aus Nürnberg wurde eingestellt.

Zunächst florierte das Handwerk, kam aber während des siebenjährigen Krieges zum Erliegen. 1759 kamen die Franzosen und beschädigten die Hütte stark.

Erst 1800/1801 wurde die Hütte wiederaufgebaut und neue Wasserräder eingebaut. Der Fürstlich-Solmsche Fiskus schrieb die Hütte 1846 zur Verpachtung aus, da sie zu wenig Gewinn abwarf. Pächter wurde für 15 Jahre die Firma J.W. Buderus Söhne. Zur Deckung des Bedarfes an Eisenerz und Holz für die Hütte erhielt Buderus als Draufgabe die Gruben Fortuna, Wildemann, Heinrichssegen und die Gutehoffnungsgrube in Asslar.

An der hinteren Längswand stand der 8,40 m hohe Hochofen. Der Wind wurde von einem Wasserrad getriebenen Holzgebläse erzeugt. Die Ofenleistung betrug pro Tag 2750 kg Eisen. Jenseits des Hüttengrabens stand das Haus des Inspektors. Es enthielt 2 Wohnungen, sowie Geschäftsräume, Stallungen, Back- und Waschhaus. 1852 wurden ca. 18 000 Zentner, 1858 nur noch 13 000 Zentner Eisen und Eisenprodukte erzeugt.

​Nach 1860 verlor die Hütte immer mehr an Bedeutung, vor allem, weil Aßlar derzeit noch keine Bahnanbindung hatte und nicht die modernen Kokshochöfen installiert wurden.

 

Erst 1897 lebte die Hütte wieder auf. Der aus Medebach stammende Carl Berkenhoff, der in Merkenbach und im Dillenburgischen schon einige Werke besaß, errichtete zusammen mit seinen Söhnen und dem Kaufmann Paul Drebes hier ein Drahtziehwerk. Das alte Mühlenrad war die Kraftquelle. Mit ihm wurden über Transmissionen die Ziehtrommeln angetrieben. Die mühsamen Einzelziehvorgänge in vielen Stufen bis zum Drahtdurchmesser 0,10 mm brachte die Söhne Karl und Gustav auf die Idee, die Ziehvorgänge so anzuordnen, dass mehrere Abzüge in Stufen hintereinander erfolgen konnten. In mühsamer Kleinarbeit und empirischen Versuchen entstand eine "Welt-Neuheit", die man zum Patent anmeldete: eine Mehrfach – Drahtziehmaschine.

Diese Maschine war ein großer Erfolg für das Unternehmen. Mehrere Maschinen konnten nach Berlin an die AEG-Werke verkauft werden. Wesentlicher Bestandteil der Drahtproduktion sind die sog. Ziehwerkzeuge, mit denen der Durchmesser der Drähte immer weiter verringert werden konnte. Die z.T. patentierten Werkzeuge sind bis heute ein Standbein des Unternehmens.

Statt des Wasserrades ging man bald dazu über, für das Ziehen der Drähte einen Gasmotor einzusetzen. Die Unternehmer gründeten weitere Werke, so dass von der Metallschmelze bis zum Draht und zum fertigen Kabel alle Produktionsschritte in einer Hand hatten.

    Der erste Weltkrieg brachte die Produktion zunächst zum erliegen. Mit Aufträgen für Feldkabeldraht und Gasmaskendraht wurde das Unternehmen der größte Rüstungslieferant für diese Produkte. 1919

starb Karl Berkenhoff auf der Asslarer Hütte. 1923 wurde das Unternehmen in eine AG umgewandelt.

In den 30er Jahren waren bei allen Werken des Unternehmens zusammen 1350 Mitarbeiter beschäftigt.

Die Asslarer Hütte war der größte aller sechs Betriebe und beschäftigte etwa 350 Mitarbeiter. Damit war dieser Betrieb der größte Arbeitgeber in Aßlar. Berkenhoff & Drebes war hochinnovativ und lieferte Produkte von fertigen Drahtziehmaschinen über Drahtziehwerkzeuge bis hin zum fertigen Kabelbaum.

 

   Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Asslarer Hütte 1952 deutlich ausgebaut. Das Unternehmen erholte sich in den boomenden Nachkriegsjahren schnell. 1964 verstarb der letzte Direktor, Eduard Berkenhoff, aus der dritten Generation der Berkenhoff – Dynastie. Das Unternehmen stagnierte und die Gewinne brachen ein. Die Familien – AG beschloss, ihre sämtlichen Werke 1969 an die damalige Westfälische Union in Hamm und damit an den Großkonzern Thyssen zu verkaufen. 2009 veräußerte Thyssen-Krupp das Unternehmen an den Hamburger Unternehmens- und Sanierungsberater nexpet AG.  Schon kurz darauf erholte sich das Drahtwerk und wurde sogar ein führendes Unternehmen der Branche. Hierzu trugen u.a. umfangreiche Diversifikationen in der Lichtleitertechnik, der Computertechnik, der Telekommunikationstechnik und der Medizintechnik wesentlich bei. Die Firma wird weiter unter dem Namen Berkenhoff & Debes GmbH auf der Asslarer Hütte geführt. 2013 waren 318 Mitarbeiter beschäftigt, das Stammkapital betrug 770.000,00 EUR und der Umsatz 33.040.000,00 EUR.

 

   Die 1587 gegründete und 1897 von Carl Berkenhoff und Paul Drebes übernommene Eisenhütte hat unter der Firma „bedea Berkenhoff & Drebes GmbH“ am 13. November 2019 auf Grund „unvorhersehbarer Umstände“ überraschend Insolvenz angemeldet. Nähere Erklärungen gab es dazu nicht.

​2018 war bereits die Kabelsparte von den Unternehmern Eike Barczynski und Christian Harel unter der Firma bda connectivity GmbH übernommen worden und das Stammunternehmen in Aßlar grundlegend umstrukturiert worden.

Wie der Insolvenzverwalter mitteilte, bestehen gute Aussichten für die in Aßlar beschäftigten 170 Mitarbeiter auf Weiterführung des weltweit agierenden Unternehmens unter anderen Eigentümern.

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