Christianshütte in Beselich-Schupbach

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Alter Hochofen
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Hütte Ende 19. Jh.
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Inschrift_u._Wappen_des_Hüttengründers
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Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem das Eisenhüttenwesen weitgehend lahm lag, kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Stillgelegte Eisenhütten wurden wieder in Betrieb genommen und neue gegründet. 1782 erhielten die Kaufleute Johann Haentjes aus Köln und der holländische Kaufmann Dirck van Hees von Graf Christian Ludwig zu Wied-Runkel das Recht zur Errichtung eines Hütten- und Hammerwerkes innerhalb seiner Grafschaft. Als Standort wählten sie ein Gelände bei Schupbach, einem Ortsteil von Beselich zwischen Limburg und Weilburg. Hier befanden sich Kalkvorkommen, einem wichtigen Rohstoff für den Hochofenprozess, Holz und die Wasserkraft des Brandbaches und des Kerkerbaches. Viele Eisenerzgruben in der Nähe ergänzten die Vorzüge.  

Haentjes erbaute das Wohn- und Herrenhaus, das üblicherweise direkt neben dem Werksgelände lag. Über seinem Portal sind heute noch die Jahreszahl 1783 und sein Wappen erkennbar. Die Betriebsstätte mit Werkhof und Schmelzturm, Unterstellschuppen, Remisen und kleinere Anlagen, zum Teil in Fachwerk ausgeführt, ergänzten die Fabrikanlage und bildeten einen großen zusammenhängenden Komplex.

Der wirtschaftliche Niedergag Ende des 18. Jahrhunderts

 

​Obwohl der Hochofen die erhofften Erträge lieferte, litt die Wirtschaftlichkeit bald unter dem Holzmangel. Zu viele Hütten der Nachbarschaft bezogen ihr Holz aus den umliegenden Wäldern, die den Bedarf immer weniger decken konnten. Holzkohle musste importiert werden und bestimmte steigende Betriebskosten. Eine Mischung von Holz und Koks zum Betrieb des Hochofens erwies sich als bedingt verwendbar. Das damit erzeugte Roheisen war für dünne Gusswaren ungeeignet und verhinderte damit die Produktion einer Reihe von Gütern des täglichen Bedarfs für Haus und Hof.

Während der napoleonischen Kriege kam es durch die Truppen zu Zerstörungen und politischen Unruhen und als Folge zu einer Unterbrechung des Imports von Holzkohle. Die Hütte musste im Jahr 1796 stillgelegt werden und blieb bis 1802 geschlossen. Johann Haentjes meldete 1799 Konkurs an. Die anschließenden Jahre waren von hohem Kostendruck beim Brennmaterial und weiteren wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt, so dass Haentjes 1822 die Hütte nebst dazugehörigem Grundbesitz an die aufstrebende Firma J.W. Buderus verkaufte. 1841 verzichtete nach Vergleich der Graf von Wied auf seine Lehnsherrlichkeit und die Abgaben aus der Christianshütte, so dass Buderus freier Eigentümer wurde.

 

Betriebswirtschaftliche Kennzahlen

 

Zur Christianshütte gehörten ein Hochofen, eine Schlackenpoche, eine Drehbank zum Abdrehen der Modelle und eine Schlosserwerkstatt. Aus etwa 95.000 Pfund (47.5 t) Material erzeugte man pro Woche bei einem Ausbringen von 25 % etwa 24.000-28.000 Pfund (12-14 t) Roheisen. Die Hüttenreisen dauerten etwa 30 Wochen. "Der Holzverbrauch belief sich für diese Zeit auf 1300-1800 Klafter, abgerechnet 400-500 Kubikfuß Bauholz, die jährlich noch gekauft werden mussten. Die Holzkohlen bezog man von der Forstverwaltung von Niederroth und Schönbach, auch zuweilen aus dem Braunfelsischen". Im Werk waren ein Direktor, ein Schmelzer, 2 Aufgeber, ein Kohlenzieher, 4 Sandgießer, 2 Plattengießer, ein Modellschreiner, ein Schlosser und 4 Tagelöhner beschäftigt (17 Personen). (Gerlach, Wirtschaftliche Entwicklung S. 44 f.)

Die Christianshütte unter Buderus

 

Um 1830 übernahm Richard Buderus (1814-1871), der jüngste Sohn des Firmengründers Johann Christian Wilhelm Buderus, die Christianshütte mit einem Grundbesitz von 6 Morgen und 46 Ruten. Sie hatte einen Hochofen mit hölzernen Bälgen, die von einem Wasserrad angetrieben wurden. Dazu kam eine Drehbank zum Abdrehen der Modelle, die auch von der Daneben gehörten eine Schlosserwerkstatt und eine Anzahl von Eisenerzgruben in der Umgebung zum Kaufvertrag. Richard Buderus hatte ein Verfahren entwickelt, nach dem sich nassauische Erze zum besten Gießerei-Roheisen verschmelzen und verarbeiten ließen. Es wurden Gusswaren aller Art, vornehmlich aber Stufenöfen hergestellt.

Die Wirtschaftskrise der siebziger Jahre zwang die Christianshütte, nun unter der Leitung von Hugo Buderus, zu Rationalisierungsmaßnahmen. Er forcierte die Umstellung auf Kupolofenbetrieb. 1876 gab es auf der Christianshütte 3 Kupolöfen, davon waren zwei in Betrieb. Sie verarbeiteten teils heimisches, teils ausländisches Gießereiroheisen aus England und Schotland. Der Auslandsanteil betrug mehr als zwei Drittel des gesamten Roheisenverbrauchs. Das Werk beschäftigte zu dieser Zeit 85 Arbeiter, Facharbeiter, Schmelzer und Former.   

Zunehmend  ging die Hochofenbetrieb auf die Koksverhüttung über. Holzkohle war immer knapper und teurer geworden und der Bezug von Koks verursachte hohe Transportkosten. Der Koks wurde über die Lahn, ab 1863 nach Eröffnung der Lahntalbahn mit der Eisenbahn eingeführt. Ab 1888 war auch der Transport über die Kerkerbachbahn, einer preußischen Schmalspurbahn, möglich. Sie führte zum Hafen in Steeden an der Lahn bzw. zum Bahnhof Kerkerbach an der Eisenbahnstrecke von Gießen nach Limburg. Der Sitz der Verwaltung der Bahn wurde von Limburg nach Christianshütte verlegt.

Der immer  schwieriger werdende Absatz des Eisens der 14 Hochöfen des Lahn-Dill-Reviers in der Wirtschaftskrise der 80er Jahre führte zu der Gründung  des „Vereins zum Verkauf von nassauischem Roheisen“ zu dessen Mitgliedern Richard Buderus gehörte. Vertraglich wurden die Absatzmengen von reinem Holzkohleeisen und Kokseisen geregelt. Die Christianshütte unterlag als Holzkohlenhütte diesem Vertrag.  Sie lag jedoch abseits der Verkehrswege, so dass Richard Buderus die Verlegung der Eisenschmelze nach Wetzlar erwog. Er verstarb jedoch 1871 ohne einen Erben zu hinterlassen. Daher übernahm der verwandte Friedrich Spies (1814-1883), der bereits als Hüttenverwalter tätig war, das Werk. Er beendete die Eisenerzeugung und vollzog den Wandel vom Hüttenbetrieb zum Gießereibetrieb. Diesen Schritt mussten die meisten Hütten im ausgehenden 19. Jahrhundert gehen, da die Eisenerzeugung in der Nähe der Kohlelager günstiger war und zudem Importerze die  heimischen Hüttenbetriebe  belastete.

Nachdem Buderus seinen Hauptsitz auf die Main-Weser-Hütte nach Lollar verlegt hatte entschloss man sich im Jahre 1878 den Betrieb der Christianshütte einzustellen und unter Verwendung der dortigen Modelle in Lollar eine Gießerei zu eröffnen. Die stillgelegte Christianshütte wurde 1881 zum Preis von 49. 000 Mark an die Bahngesellschaft der Kerkertalbahn verkauft.

Heutige Situation


Die Christianshütte besteht aus mehreren Gebäuden, die aus der Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in das frühe 20. Jahrhundert stammen. Das langgestreckte Haus Christianshütte 3 ist aus einer Waldschmiede von der Mitte des 18. Jahrhunderts hervorgegangen, die nach vorne verlängert und zum Herrenhaus umgenutzt wurde. Er besteht heute aus einem zweigeschossigen Baukörper mit Mansardgiebeldach und ist verputzt und verkleidet. Das Gebäude Christianshütte 1 wurde 1783 als fünfachsiger Bruchsteinbau errichtet, der später zu einem Winkelbau erweitert wurde. Ein Keilstein über dem Portal mit oranischem Stern, dem Wappen des Begründers der Hütte und der Jahreszahl "1783" weisen den Bau als das Hauptgebäude der Hüttengründungszeit aus. In der Südwestecke des Hütten- oder Werkhofs steht erinnert ein später errichteter Turm an den 1783 gebauten Hochofen. Über dem Rundbogeneingang zeigt der Keilstein die Jahreszahl 1783.Von weiteren Gebäuden auf oder um den Werkshof ist ein kleiner, um 1900 errichteter Fachwerkbau erhalten, der als Maschinenhaus genutzt wurde. Östlich des Werkshofs wurde um 1905 von dem damaligen Eigentümer Krupp ein Fachwerk- und Ziegelbau errichtet, der als repräsentatives Wohnhaus diente.