Dachschieferbergbau in Langhecke (bei Villmar/Lahn)

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Der Dachschieferbergbau in "der langen Hecke", einem Waldstück westlich von Villmar/Lahn hat eine jahrhuntertlange Tradition. Als die Dächer noch vorwiegend mit Stroh bedeckt waren, war der Schiefer eine zwar teure, aber feuerfeste und sichere Dachbedeckung.

Die schwer zu bearbeitende Schieferbau ernährte viele Familien der "Käutner", schwankte aber stets aus unterschiedlichen Gründen.

Mit der Einführung neuer Dachmaterialien (Dachpappe, Dachziegel) und Billigimporten verlor der Schieferabbau seine Bedeutung und wurde 1955 endgültig eingestellt.

Der Dachschieferbergbau in der Langhecke (einem Waldstück bei Villmar/Lahn) hat, wie auch der Eisenbergbau, eine lange Tradition. Der Schieferabbau wird urkundlich in den Jahren 1590-94 im Rahmen eines Rechtsstreites zwischen dem Erzbischof Johannes von Trier und dem Landgrafen Ludwig von Hessen-Marburg zum ersten Mal nachweislich erwähnt, wurde aber schon lange davor betrieben. 1644 gibt es schriftliche Zeugnisse über den Erzbergbau von Silber und Kupfer, der bis in den 30-jährigen Krieg betrieben wurde. Da für den weiteren Erzbergbau das notwendige Wissen und auch das Kapital fehlte, begann man mit dem Dachschieferabbau. Der Schiefer ragte bis an die Oberfläche, so dass der Abbau zunächst einfach war. Bergleute die den Dachschiefer abbauten, sog. Käutner, siedelten sich hier an und begründeten damit den Ort ‚Langhecke‘. Weitere Bürger beantragten bei der kurtrierischen Verwaltung, zu der das Waldstück gehörte, Neubelehnungen, für die eine Kautionen zu entrichten war.

Nach dieser ersten Blütezeit endete der Dachschieferabbau und die Gruben zerfielen. Vermutlich hatten viele junge Käutner die Arbeit unterschätzt und ihnen fehlte auch das bergmännische Wissen und körperliche Fähigkeiten. Der schlecht bearbeitete Schiefer ließ sich nur schwer verkaufen und 1714 entstand zudem eine Konkurrenz einer Usinger Schiefergrube. Waren 1722 noch 25 Schieferkäutner registriert, so gab es 1726 nur noch 8 Grubenbesitzer. Der Bergschuldheiß Johann Niclas Henneberger empfahl der Trierer Regierung, ausgebildete Steinhauer zur fachkundigen Unterweisung der Käutner einzustellen, was wohl auch geschah.  Ab 1727 schien der Bergbau wieder geordnet zu laufen. Zwar gab es 1740 nur noch vier Käutner, die aber mehrere Kauten besaßen und diese sachgerecht ausbeuteten und ca. 23 Mitarbeiter eingestellt hatten. 1767 wird berichtet, dass die Kauten vernachlässigt und z.T. aufgegeben worden sind. Grund war die unüberlegte Entsorgung des Abraums, ‚Kummer‘ genannt. Es wurde gerade dorthin gelagert, wo gerade Platz war, was später zu erheblichen Problemen mit der Entwässerung führte. Die Kummerberge mussten mühsam abgetragen werden, um durch Entwässerung an die wertvollen, aber tiefer liegenden Schiefervorkommen, zu gelangen. Das kurfürstliche Oberamt verbot ab sofort den Käutnern, neue Gruben anzulegen und die Weiterführung des bestehenden Grubenbetriebes war bei Strafe untersagt.

Von da an wurden Verleihungen auf Gruben mit der Auflage, eine Wasserführung um 6 bis 8 Lachter (1 Lachter ca. 1,9 m) jährlich voranzutreiben auf 25 Jahre ausgesprochen. Danach hatte der bisherige Besitzer ein Vorrecht bei einer Neuverleihung. Um Streitigkeiten bei der Kautenzugehörigkeit zu vermeiden, bestimmte die kurtrierische Verwaltung 1787 für alle neuen Kauten ein einheitliches Grundmaß und sicherte die Grubenfelder mit Grenzsteinen ab. Der zunächst vereinbarte Zehnt pro Verkauf wurde wegen mangelnder Überprüfbarkeit der Geschäfte in eine Pacht umgewandelt, dann aber wieder in den Zehnten zurückgewandelt, wobei ein amtlich bestellter Aufseher, später der Berginspektor selbst, streng darüber wachte und Buch führte. Auch die Käutner wurden zu strengen Aufzeichnungen ihrer geförderten und verkauften Steine verpflichtet.

Der Absatz des Schiefers erfolgte verkehrsbedingt hauptsächlich im südlichen Lahn- und Weiltal, wo es potente Käufer gab, die sich ein teureres Schieferdach leisten konnten, vor allem Kirchen, Adlige und reiche Eisenhüttenmänner.

Zu Schwierigkeiten kam es, als Nassau-Usingen 1714 einen eigenen Dachschieferabbau begann und den Schieferimport aus Langhecke untersagte. Kurtrier reagierte umgekehrt mit einem Boykott der Usinger Produkte. Solche Territorialstreitigkeiten lähmten im 18. Jahrhundert oft mehrere Wirtschaftszweige. Den Trierer Kameralisten gelang es jedoch, wieder einen Aufschwung des Dachschieferabbaus zu erreichen.

In der Folgezeit gab es ein Auf und Ab des Dachschieferabbaus. Im Gebiet von Langhecke liefen mehrere Territorialgrenzen zusammen und die Trierer Hoheit begann in dem weitabgelegenen Gebiet zu schwinden. Das bot Raum für den unrechtlichen Betrieb von Kauten, das Nichtzahlen des Zehnten, unrechtmäßige Verkäufe des Schiefers und vieles andere mehr.

Spätestens in der napoleonischen Ära entrichteten die Langhecker Käutner ab 1804 wieder regelmäßig ihre Abgaben, die nach dem Reichdeputationshauptschluss auf ¼ des ab 1790 geltenden Betrages gesenkt wurden. Es folgten wechselvolle Jahre des Schieferabbaus, dieser konnte sich aber bald stabilisieren. 1815 besichtigte Goethe anlässlich der Eröffnung der Lahnschifffahrt bis Weilburg in Begleitung von Oberbergrat Cramer den Langhecker Schieferbau.

Der endgültige Aufschwung der Bergwerke in der Langen Hecke begann nach der Neuordnung der Territorien im Wiener Kongress. Die Regierung von Nassau war an deren Entwicklung interessiert und förderte sie durch verschiedene Verordnungen, so dass die Produktion von ehemals ca. 1000 m auf nahezu 15.000 m Schiefer stieg. Da Wilhelm von Nassau den Beitritt Nassaus zum Deutschen Zollverein 1834 verweigerte, litten alle Gewerbezweige darunter, erholten sich aber nach dem Beitritt 1835 langsam. In den Jahren 1842/43 wurde mit 19 Kauten der höchste Bestand des 19. Jahrhunderts erreicht. Das Bevölkerungs- und Bauwachstum trug zu einem weiteren Aufschwung bei, so dass 1850 die 20.000 m Marke überschritten wurde.

Der Eisenbahnbau und andere staatliche Bauten verlangten hochwertige Dachbedeckungen und auch in den Dörfern entstand nach einem langen Umdenkprozess eine steigende Nachfrage. Bis 1870 stieg der Absatz von Schiefer aus Langhecke auf fast 50.000 m.

Bis zur Gründung des Deutschen Reiches hielt sich der Schieferabbau, der jeweiligen Konjunktur folgend, relativ konstant. Nach 1815 übernahmen zunehmend große Unternehmen aus anderen Gegenden den Dachschieferabbau, die die besten Lagerstätten aufkauften, die hohe Gewinne erwarten ließen. Gegen die Finanzkraft dieser Unternehmen hatten die einheimischen Käutner keine Chancen. 1874 genehmigte das Königliche Oberbergamt in Bonn den Zusammenschluss von 28 Grubenfeldern unter dem Namen „Dachschiefergewerkschaft Langhecke“. Die Anteile von 1000 Kuxe verteilten sich auf 9 Unternehmen, der größte Teil auf Unternehmen in Düsseldorf, Duisburg und Frankfurt. Die noch selbständigen ortsansässigen Käutner kämpften daneben um ihr Überleben.

In der Gründerkrise entließen kleinere Betriebe die Arbeiter, aber der Großbetrieb „Langhecke“ investierte 1875 in eine Dampfmaschine, die 12 Schieferscheidemaschinen antrieb und 1877 in eine zweite, die die Leistung verdoppelte. 

Ab 1877 drängte massenweise englischer Schablonenschiefer, der sich viel leichter verarbeiten ließ, auf den deutschen Markt, so dass es in Langhecke zu einem starken Einbruch der Produktion kam. Viele Arbeiter wurden entlassen. Auch ein Sondertarif der Reichsbahn änderte nicht viel daran. Die Gewinnung neuer Absatzgebiete im gesamten deutschen Raum brachte eine Stabilisierung bei 17.000 m Dachschiefer. 1899 schloss dennoch die letzte private Grube, was andererseits der Dachdeckergewerkschaft Langhecke wieder einen kleinen Aufschwung bis 1914 brachte. Die Gewerkschaft investierte in neue Maschine und brachte ihre Gruben auf die neueste Technik.

Inzwischen hatten sich immer mehr andere Dachbedeckungstechniken, wie Dachpappe oder Ziegel, durchgesetzt, so dass der Dachschieferbau einbrach. Der Erste Weltkrieg entzog viele wichtige Mitarbeiter und die wirtschaftlichen Krisenzeiten nach dem Krieg führten zu einer völligen Einstellung des Betriebes.

Erst mit der Autarkiewirtschaft ab 1933 wurde verfügt, dass alle staatlichen und kommunalen Bauten mit einheimischem Schiefer bedeckt werden müssen. Die Gruben wurden teilweise wieder geöffnet und Arbeiter eingestellt, aber der Bauboom war nur von kurzer Dauer, das Kapital aufgezehrt und die Technik inzwischen veraltet, so dass der Betrieb zu Beginn des Krieges 1939 bis Kriegsende eingestellt wurde.

Nach dem Krieg hatte die Dachschiefergewerkschaft Langhecke keine Mittel, um den Betrieb wieder aufzunehmen. Die Gruben wurden an zwei Käutnern verpachtet. Der eine gab kurz danach wieder auf, der andere betrieb einen Raubbau, indem er die stehengelassenen Stützpfeiler abtrug. Das führte zur Instabilität der Gruben. Nachdem die ersten Risse auftauchten, untersagten die Behörden diesen Raubbau, so dass das Bergamt in Weilburg die Schließung der Gruben 1955 anordnete. Die Stollenöffnungen wurden vermauert und der Dachschieferabbau in Langhecke war damit Geschichte.