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Lahnmarmor bei Villmar

Vorgeschichte

Im Erdzeitalter des Devon (etwa vor 380 Million Jahren) lag die Landmasse des heutigern Lahngebiets nahe dem Äquator im Bereich von Riffen. Die Versteinerungen von riffbildenden Meerestieren, Schwämme, Seelilien, Schnecken und andere Riffbewohner (Stromatoporen) bildeten ein Kalkgestein. Im Gegensatz zu anderen Gesteinen wurde der Lahnmarmor durch die Plattentektonik nicht mehrfach umgewälzt, sondern liegt so an der Oberfläche wie früher in den Riffen gebildet wurden. Er ist daher sehr strukturreich und erlaubt, quasi wie Baumringe, einen Blick in die Zeit der Riffbildung mit deren Bewohnern.

Obwohl dieses Kalkgestein kein Marmor im eigentlichen Sinne ist, wird er als „Lahnmarmor“ bezeichnet da er - wie der Carrara-Marmor - polierbar ist. Zusätzlich besitzt der Lahnmarmor eine große Vielfalt von Farb- und Mustervariationen. Er ist jedoch nicht säurebeständig, so dass er hauptsächlich in Innenräumen eingesetzt wird.

Es gibt viele sog. Varietäten des Kalksteins, je nachdem, ob es sich vor, im oder auf der Rückseite des Riffs bildete. Sie haben ihren Namen in den späteren Abbauorten erhalten. Die überwiegend rote Färbung wurde durch eisenhaltiges Wasser auf Grund von Vulkanismus verursacht. Die Färbung und Variationen sind in jedem Bruch so vielfältig, dass es mit wissenschaftlichen Methoden nicht möglich ist, nachträglich herauszufinden, wo der Stein eines bestimmten Objekts herkam.

Beispiele der Varietäten zeigt die Ausstellung im Museum.

Geschichte bis zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts

Urkundlich erwähnt wird der Abbau des Lahnkalksteins erstmals 1594. Es entstanden an der mittleren Lahn zwischen Oberbiel und Allendorf zahlreiche Steinmetzbetriebe und Werkstätten. Geowissenschaftler schätzen, dass es über den gesamten Zeitraum des Marmorabbaus ca. einhundert Marmorbrüche gab. Der Stein wurde zunächst hauptsächlich zu Mauern und zum Kalkbrennen benutzt. 

​Seine eigentliche Bedeutung gewann der Lahnmarmor während der Gegenreformation im Barock.

In der katholischen Kirche bestand in dieser Zeit ein großer Bedarf an repräsentativen Kirchenbauten. In den Wiederaufbaujahren nach dem 30jährigem Krieg verstärkte sich der Abbau des Lahnmarmors. Anfang des 17. Jahrhunderts waren Gestaltungsobjekte zunächst polierte Säulen an Altären und Epitaphien.

Im 18. Jahrhundert fand der Lahnmarmor für sakrale Objekte und Denkmäler und besonders für die Gestaltung in Schlössern weite Verbreitung. Die Schlösser  der Fürsten erhielten nach dem Vorbild des französischen Hofes prächtige Marmorausstattungen und führten zu einer Blütezeit des Lahnmarmors.

 

Transport des Lahnmarmors

 

​Der bearbeitete Lahnmarmor wurde per Ochsenkarren zur nächsten Verladestelle an die Lahn gebracht und gelangte über Lahn, Rhein, Main, Mosel für Marmorarbeiten nach Trier (Dom), Würzburg (Residenz) Worms (Dom), Mannheim (Jesuitenkirche), Bruchsal (Schloss). Für den Bonifatius- Grabaltar gelangten die Steine mit Pferdefuhrwerk nach Fulda.

 

Lange Zeit konnte die Lahn vom Rhein her nur bis Diez befahren werden, da ein Mühlenwehr auf Anordnung der Grafen von Diez eine Weiterfahrt verhinderte. Erst ab 1844 war die Lahn als Schifffahrtsstraße durchgehend bis Gießen nutzbar, jedoch nur mit kleinen Nachen mit einer Tragfähigkeit von ca. 150 t, die zudem noch sehr unstabil im Wasser lagen. Verluste waren einzukalkulieren ebenso mussten diverse Zölle an den oftmals vielen Grenzen bezahlt werden.

Mit der 1863 eröffneten Lahntalbahn von Wetzlar nach Koblenz, ergänzt durch die Kerkerbachbahn, konnte der Marmor schnell, kostengünstig und sicher zu den Hafenstädten befördert und nach Übersee verschifft werden.

Orte bedeutender Marmorbrüche

Die wichtigsten Orte des als „Nassauischen Marmors“ bezeichneten Gesteins waren Villmar, Schupbach und Allendorf.

Im Villmar begann 1594 die Geschichte der Marmorgewinnung und Verwendung mit einem Auftrag des Kurfürsten von Trier an den kölnischen Steinmetz Gerlach Korschenbruch, dort Marmor zu brechen, und endete auch dort 1989 mit der letzten  Bergung aus dem Bongardbruch.

Besonders beliebt war der dunkelrot bis violetter Marmor im 18. Jh., der mit seinen großen, hellerem Stromatoporen - Einschlüssen eine großflächige Musterung ergibt. Nicht nur wegen seiner vielen Marmorbrüche wurde Villmar im 19. Jahrhundert das Zentrum der Marmorindustrie an der Lahn, begabte Steinmetzte und die hohe Qualität der Marmorsorten waren Voraussetzung dafür. Hierbei hatte der „Unica“ Bruch wohl die ausschlaggebende Bedeutung.

In den Jahren 1893 und 1894 wurde die Marmorbrücke in Villmar erbaut, um den Bahnhof an den links der Lahn gelegenen Marktflecken Villmar und dort betriebene Steinbrüche anzubinden. Als Baumaterial dienten Marmorblöcke aus nahegelegenen Steinbrüchen. Die Seitenverkleidung besteht ebenfalls aus lokalem Lahnmarmor verschiedener Sorten.

Von großer Bedeutung waren die  Schupbacher Steinbrüche im Kerkerbachtal, die ab 1595 erschlossen wurden.  Hier gab es den Schwarzmarmor der wie  Adern mit lebhaften weißen Linien durchzogen ist. Wegen seiner Farbe wurde er für alle Objekte verwendet, die sich mit Tod, Sterben, Bestattung, Trauer und Gedenken verbinden (sog. Sepulkral-Objekte), wobei die Steinmetze die Richtung der weißen Linien gemäß der Bedeutung des Objektes gezielt einsetzten. Bei Altären, bei denen er z.B. als Säulen meist die Vertikale betonte, wurde er oft mit farbigem Marmor kombiniert.

Auch in Diez und Limburg wurde der Schwarzmarmor abgebaut. Er fand vor allem unter der Variation mit der Bezeichnung "Formosa S" im Kirchenbau  Anwendung. In fast jedem Bruch fand man Gestein mit unterschied-licher Struktur und Färbung.

In den Brüchen von Hundsangen wurde ein Marmor mit vielen Farb- und Strukturvariationen gefunden. Im 17. Jahrhundert stattete die Steinmetz-Familie Neuß aus Köln u.a. Teile des Dreikönigsaltars im Kölner Dom aus. Auch in Trier wurden Säulen aus den Brüchen in Hundsangen gestaltet.

Graf Johannes von Nassau-Idstein ließ ab 1662 Marmor aus seinem Territorium in Mudershausen abbauen. Der Stein bestand vorwiegend aus Grautönen, oft mit unruhigen roten Flecken, so dass er sich für Kirchen und Schlösser wenig eignete. Kamine, Taufsteine und menschliche Oberkörper (Hermen) zum oberen Abschluss auf Säulen waren die Hauptverwendung. Der Idsteiner Steinmetz Martin Sattler verwendete den Marmor viel, z.B. im Schloss Biebrich.

Im Jahre 1705 wurde in Allendorf bei Katzenellenbogen durch einen Auftrag zum Bau von 36 Kaminen durch Fürstin Henriette Amalie von Nassau-Diez ein sehr lebhaft gemusterter und farbiger Marmor abgebaut. Charakteristisch sind seine verschiedenen Rottöne. Säulen aus diesen Steinen wurden für das Schloss in Wiesbaden-Biebrich hergestellt.

Der berühmte Baumeister Balthasar Neumann verwendete den Allendorfer Marmor für die Würzburger Residenz. Weitere Verwendung fand er für die Altarsäulen im Wormser Dom, im Poppelsdorfer Schloss und andere Bauten in Bonn, die St. Quintinius-Kirche in Mainz, die Jesuitenkirche in Mannheim.

 

Der in Seelbach bei Nassau/Lahn abgebaute rot-weiße Marmor wurde im Dom zu Trier, für das Schloss Oranjewoud in Friesland, im Schloss Wiesbaden-Biebrich, im Dom zu Worms und im Weilburger Schloss verwendet.

 

Weitere Orte des Marmorabbaus waren Balduinstein, Oberbiel, Diez.

Eine sehr gute Übersicht über Orte und Objekte mit Lahnmarmor finden Sie unter: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-291597

Die Baumeister

Bei der Verwendung und Verarbeitung des Lahnmarmors wirkten bedeutende Baumeister mit.

 

Maximilian von Welsch (1671-1745) wirkte er als kurmainzischer und bambergischer Baudirektor bei vielen Kirchen- und Schlossarbeiten mit. (Altäre der Pfarrkirche St. Quentin, Marstall und Garten im Schloss Pommersfelden).

Baumeister wie Julius Ludwig Rothweil (1676 – 1750) und Balthasar Neumann (1687-1753) schätzten den Lahnmarmor sehr und schufen im Auftrag von Fürsten und Bischöfen berühmte Altäre. Rothweil gestaltete weite Teile des Weilburger Schlosses.

Anfang des 18. Jahrhunderts gestaltete Johann Theobald Weidmann den Kreuzaltar im Dom zu Trier und Stephan Stahl schon Ende des 17. Jh. den Hochaltar und sechs Seitenaltäre der Jesuitenkirche in Mannheim. Simon Leonhard lieferte Ende des 18. Jh. die Säulen für den Hochaltar der Pfarrkirche St. Ignatz in Mainz. 

Geschichte ab der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

​​In der Industrialisierung des 19.Jh. wurden große Steinbrechunternehmen gegründet, so 1879 die Firma „Dyckerhoff & Neumann“ in Wetzlar. Sie führten Marmorarbeiten an Kirchen, Schlösser, herrschaftliche Wohn- und Landhäuser, Hotels, Bäder, Geschäfts- und Warenhäusern, Bahnhöfen und auf Kreuzfahrtschiffen aus und schufen aus Lahnmarmor Gedenksteine und Grabmäler. Von 1894 bis 1905  wurde der Berliner Dom errichtet, für den sie ebenfalls Lahnmarmor verwendete.

Das 1913 gegründete Unternehmen „G. Joerissen GmbH“ war vor allem international tätig. Joerissen lieferte ihren Marmor der Varietäten „Estrellante“ und „Famosa Rosa“ zur Ausstattung des Empire State Buildings nach New York und nach Zürich zum Bau der Universität.

In den 1930er Jahren war der Staat der größte Auftraggeber. Viele öffentliche Pracht- und Prunkbauten wurden mit den Steinen des Lahngebietes gestaltet. Dyckerhoff & Neumann lieferten Lahnmarmor für die Gestaltung der Reichskanzlei, den die russischen Besatzer nach dem Krieg zum Bau des sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park aus der zerstörtenn Reichskanzlei verwendeten. Auch für das Stadium in Berlin und Nürnberg wurden Lahnmarmor verwendet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

​Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Nachfrage nach Lahnmarmor zur Ausbesserung und Restaurierung von beschädigten oder zerstörten Gebäuden und zum Neubau von Kirchen.

Die Firma „Engelbert Müller KG“ profitierte von Neubaumaßnahmen und Restaurierungen im Kirchenbau (St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin, Neugestaltung vieler romanischer Kirchen in Köln, Restaurierung der Jesuitenkirche in Mannheim).

Ab den 1970er Jahren änderte sich der Geschmack und Marmor wurde oft als Schiffsballast billig aus dem Ausland bezogen, so dass die inländische Nachfrage nachließ. Die großen Unternehmen gaben ihren Betrieb auf. Der letzte Abbau erfolgte 1989 aus dem Villmarer Bongardbruch.

Heutige Situation

​Erst Ende der 1980er Jahre wurde der Lahnmarmor geologisch genauer analysiert. Man erkannte, dass der "Unica-Bruch“ einen einzigartigen dreidimensionalen Einblick in den Kernbereich eines devonischen Riffs bietet. Es zeigt den damaligen Zustand und ist nicht durch tektonische Prozesse verändert. Die wissenschaftlichen Ergebnisse und private Aktivitäten führten Ende 1998 zur gesetzlichen Ernennung als "Naturdenkmal Unica".

Im Jahre 2016 wurde gegenüber dem Bahnhof von Villmar und direkt neben dem Unica-Steinbruch ein neues Lahnmarmor-Museum eröffnet. Im Zentrum der Präsentation stehen die Entstehung dieses Natursteins als marines, biogenes Sedimentgestein, die Geschichte des Marmorabbaus in vielen Steinbrüchen der Umgebung, seine Verwendung als Werkstein und die Technik des Abbaus.

Die Stiftung Lahn-Marmor-Museum ist Träger des Museums. Der Verein „Lahn-Marmor-Museum e.V“ kümmert sich als dessen Beirat um den Betrieb des Museums.

2001 erhielt das Museum den Hessischen Denkmalschutzpreis.

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