Ludwigshütte - Biedenkopf

Magazin 21
press to zoom
Hallentor1
press to zoom
Gebäude 36
press to zoom
Gebäude 32
press to zoom
Gebäude 23
press to zoom
Gebäude 21
press to zoom
53400401009-FA-51
press to zoom
Hüttenhaus_2
press to zoom
Hüttenhaus_1
press to zoom
HNHV Notgeld 1922 1
press to zoom
Zechenhaus2
press to zoom
Magazin 2
press to zoom
Hüttenhaus_3
press to zoom
Direktorenvilla
press to zoom
ehem._Produktionsgebäude
press to zoom
1/2

Die Ludwigshütte in Bidenkopf gehört zu den ältesten Eisenhütten Mittelhessens. Zu ihrer bewegten Geschichte Geschichte trugen mehrrere Inhaber, wie der "Hessen-Nassauische Hüttenverein" des Unternehmers Jung sowie BUDERUS bei. Die Hütte gehörte zu den bedeutensten Werken am Oberlauf der Lahn. Ab 1886 wurde kein Hochofen mehr betrieben. Die Hütte hatte auf Gießerei umgestellt. Ihr Ende wurde 2002 mit dem Bau der Umgehungsstraße besiegelt, dem viele Gebäude weichen mussten. Die vorhandenen Gebäude wurden vermietet bzw. verkauft. Buderus-Guss aus Breidenbach betreibt hier weiterhin eine Gießerei.

Geschichte

Die Existenz von Eisenhütten und Hämmern lässt sich vor dem 16. Jahrhundert oft nur indirekte nachweisen. So berichten Aufzeichnungen aus Dillenburg, dass die Eisengruben im Dillenburger Revier den Schmieden in der Grafschaft Wittgenstein, denen an der Dietzhölze und auch der in Biedenkopf nach Berechnungen von 1547 bis 1552 nicht viel mehr als 2040 Wagen Eisenstein für 12 bis 14 Albus für den Wagen überlassen haben. 1569 wird das Vorhandensein einer Waldschmiede bei Biedenkopf konkret vom Kammermeister zu Marburg in einen Bericht an seinen Landesherren erwähnt, in dem die Waldschmiede darum bitten, weiterhin auf der Hütte bleiben zu dürfen. Landgraf Ludwig IV (der Ältere) von Hessen-Marburg (1537-1604), entsprach der Bitte und stellte 1570 einen neuen Leihbrief aus. Diese Bitte setzt das Vorhandensein eines älteren Leihbriefs voraus, so dass die Waldschmiede oberhalb Biedenkopfs danach mindest 1546 erbaut seien müsste. Überhaupt bestand im gesamten Lahn-Dill-Gebiet eine protoindustrielle Eisenerzeugung, so dass hier möglicherweise schon sehr viel früher Eisen erschmolzen und verarbeitet wurde.

Mit der zunehmenden Verschärfung der politischen Lage vor Ausbruch des 30-jährigen Krieges gewann die Eisenherstellung eine wachsende Bedeutung für die Landesregierungen. Auch Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg sah sich veranlasst, fürstliche Hütten und Hammerwerke zu betreiben. Nach Verhandlungen mit den Herren von Breidenbach über die Wasserrechte zum Betrieb des „Eisenhammers zu Biedenkopf“ gegen die Zahlung von „drei Wag Eisen jährlich“ Wasserzins konnte der Kaufvertrag für die Hütte 1588 gegen Zahlung von 150 Gulden abgeschlossen werden. Nachdem Landgraf Ludwig die Rechte der Herren von Breidenbach abgelöst hatte, kaufte er im selben Jahr von den derzeitigen Besitzern die „freie, erbeigene Eisenhütte oberhalb Biedenkopf gelegen, mit ihren Bauten und Zubehör, Wassergraben, Räder, Wellen und allem Eisenwerk daran, einem Schmiedeamboss und drei Kohleschuppen“ zum Preis von 320 Gulden, den Gulden zu 26 Albus gerechnet. Zum Hüttenschreiber setzte er bereits ein Jahr zuvor Philips Haen ein, der gleichzeitig ein Hüttenfachmann war. Offensichtlich hatte der Landgraf bereits 1587 das Biedenkopfer Eisenwerk übernommen, denn er bezog zur selben Zeit von den Hochöfen des Klosters Haina zehn Wag Eisen „zur Erbauung eines neuen Eisenhammers bei Biedenkopf“.

Landgraf Ludwig versetzte Philips Haen kurz darauf nach Frankenau, um dort eine Schmelzhütte mit Hochofen aufzubauen und zu betreiben. Ab 1589 versorgte die Hütte in Frankenau den Biedenkopfer Hammer Roheisen, das hier zu Stabeisen verschmiedet und zum Preis von 3 bis 3 ½ Gulden je Wag an den Hof in Marburg verkauft wurde. Daraus ist zu folgern, dass ab 1589 in Biedenkopf kein Rennwerk mehr auf der Hütte in Betrieb war.

 

Die zweite Hütte – Eisenerzeugung im 30-jährigen Krieg

 

Nach dem Tode von Landgraf Ludwig erbte Landgraf Moritz von Hessen-Kassel den Biedenkopfer Hammer. Er holte Philips Haen 1608 zurück nach Biedenkopf auf seine ehemalige Position und ließ ihm bei dem Hammerwerk an der Lahn einen Hochofen errichten. Auch bei Hatzfeld ließ er von Haen ein moderneres Hammerwerk errichten. Der Hochofen in Biedenkopf versorgte den eigenen Schmiedehammer und auch den bei Hatzfeld mit Roheisen. Das in Biedenkopf hergestellte Stabeisen ging in großen Mengen nach Marburg, Rotenburg, Kassel und Frankfurt, oft in so großen Mengen, dass die Biedenkopfer Schmieden selbst keines erhalten konnten. Neben dem Stabeisen produzierte das Biedenkopfer Werk auch schon Öfen in verschiedener Größe und Ausstattung sowie Kleineisenteile für Haus und Hof, wie z.B. Nägel, Hufeisen, Grabkreuze usw.

Während des 30-jährigen Krieges war die Hütte durchgehend in Betrieb, litt jedoch häufig unter Misswirtschaft und hohen Holzkohlepreisen. Die Rohstoffe wurden aus unterschiedlichen Gegenden bezogen wurden. Das Eisenerz kam bis 1664 aus dem Nassauischen Lixfeld, später aus den Gruben um Königsberg im Biebertal. Daneben wurde auch Eisenstein aus regionalen Gruben bezogen. Der Kalkstein kam aus Buchenau, die Gestellsteine aus Treis an der Lumbda und die Holzkohle aus der näheren Umgebung.

Die Schmelzer erhielten bis 1635 einen Wochenlohn von 2 Gulden und 12 Albus sowie einen Anteil am erzeugten Roheisen, der ihnen in natura ausgezahlt wurde.

Die tägliche Eisenerzeugung erhöhte sich von ca. 15 Zentner im Jahre 1626 auf über 21 Zentner (ca. 1 t) im Jahre 1696, was vor allem auf das bessere Königsberger Erz zurückzuführen war. Die Kriegsproduktion, insbesondere die Lieferung von Kanonenkugeln, trug zu diesem Aufschwung erheblich bei. Versuche der Stahlherstellung wurden mehrere Male unternommen, führten aber nicht zu dem erhofften Erfolg.

 

Die Biedenkopfer Hütte im 18. Jahrhundert

Nach dem 30-jährigen Krieg machte der Eisenhüttenbetrieb auf dem Biedenkopfer Eisenwerk weitere Fortschritte. Um 1728 hatte sich die Hüttenreise des Hochofens von 10-15 Wochen auf 29 Wochen im Jahr erhöht. Die Schmelzung dauerte 27 Wochen und erbrachte 3.182 Zentner Eisen.

   Von 1740 – 1777 was das Biedenkopfer Eisenwerk zusammen mit dem Hatzfelder Hammer an Johan Ernst Doepp gegen Zahlung eines Pachtpreises von 5500 Gulden gegangen. Er musste eine bestimmte Menge Roheisens an den Eisenhammer in Oberramstadt gegen ein entsprechendes Entgelt liefern, da für eine große Zahl oberhessischer Ämter ein Eisenmonopol des Landgrafen bestand. Während der Pachtzeit von Doepp ist wahrscheinlich der Name „Ludwigshütte“ entstanden. Allerdings sind die Umstände unbekannt und es ist auch nicht klar, welchem Ludwig der Name gewidmet ist.

Klar ist, dass der Marburger Landgraf das Werk 1777 wieder in Eigenregie übernahm es weiter modernisierte. Es entstand 1780 ein neuartiger runder 6,8 m hoher Hochofen, dessen Fertigstellung unter Anwesenheit der höchsten Beamten der Bergverwaltung feierlich begangen wurde. Gegenüber seinem Vorgänger war der Ofen unten offen, so dass man ihn nach Beendigung des Schmelzens nicht mehr aufbrechen und anschließend wieder zumauern musste. Im Vorherd konnte das flüssige Eisen über ein Stichloch abgeschöpft und entweder in Masseln oder im Sandbett direkt in Formen gegossen werden. Der Ofen konnte am Tag bis zu 1.400 kg Eisen erschmelzen. 1870 erschmolz man während der 24-wöchigen Hüttenreise 213,7 t Eisen.

   Das Eisenerz wurde ausschließlich von den Königsberger Gruben im Bibertal bezogen. Es schwankte in seiner Qualität erheblich, und der Fuhrlohn war für die 50 km lange Strecke erheblich. Der Bedarf an Holzkohle wurde aus den herrschaftlichen Waldungen gedeckt. Die Erzeugung von Roheisen war so groß, dass ein Teil in den Export ins Wittgensteiner Land und nach Köln ging. Nur ein geringer Teil des überschüssigen Roheisens wurde in Sandguss für Öfen und Poteriewaren verwendet. Die Waren wurden nach Gewicht verkauft, Öfen für 2 Kreuzer das Pfund und Töpfe 3 ½ Kreuzer je Pfund. Der Monatslohn eines Hüttenarbeiters betrug 18 Gulden für den Hüttenmeister, 12 Gulden für einen Aufgeber und 8 Gulden für einen Steinpocher. Allerdings konnten die Löhne durch besondere Arbeitsleistungen oft weitgehend variieren. Die zur Ludwigshütte gehörenden Hämmer (also auch der in Hatzfeld) erzeugten jährlich je 800-900 Wag (= 950-1100 Zentner, also etwa 50 t) Stabeisen. Das Roheisen wurde durch das sog. „Kaltfrischen“ hergestellt, das gegenüber dem Puddelverfahren einfacher, aber nur bei kohlestoffarmen Erzen zu brauchbaren Roheisen führte.

Weder der Biedenkopfer noch der Hatzfelder Hammer waren auf die Erzeugung von Zaineisen ausgelegt, das als Halbzeugprodukt zur weiteren Bearbeitung an Messer-, Klingen- oder Sensenschmiede, oder an Nagelmacher geliefert wurden. Dieses gewann eine immer größere Bedeutung und Nachfrage. Die Landesregierung errichtete daher in Battenberg an der Eder trotz vieler Bedenken ein Hammerwerk, das das überschüssige Roheisen der Ludwigshütte zu Zaineisen und den sonstigen Überschuss zu Stabeisen schmiedete. (Die Bedenken richteten sich gegen Industrien mit hohem Holzkohleverbrauch, die als „Holzfresser“, „Waldverderber“ o.ä. bezeichnet wurden.) Diese Anlage wurde später als „Auhammer“ bekannt. Der Auhammer wurde zunächst verpachtet, wurde im Laufe der Zeit teilweise, 1789 vollständig von der Landesregierung erworben und der Ludwigshütte angegliedert.

 

Die Ludwigshütte zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Verkauf an J.J. Jung

 

Als Folge des technischen Fortschritts machte 1803 ein neuer Hochofen mit doppelten Zylindergebläse nach Baader seine erste Hütttenreise. Etwa um 1804 war die Ludwigshütte mit ihren Hämmern wahrscheinlich zunächst an den Herrn von Breidenbach (genannt Breidenstein) verpachtet, aber von 1808 bis 1812 wieder von Fiskus übernommen und danach bis um 1825 an die Erben von Breidenbach verpachtet worden. Häufig fanden sich keine Pächter, so dass die Landesregierung zeitweise die Ludwigshütte immer wieder in Eigenregie betreiben musste. Der Ausbau der profitablen Hütte schritt jedoch unbeirrt voran, denn die Nachfrage nach Eisen stieg bereits im Vorfeld der Hochindustrialisierung rasant an. Das Roheisen wurde teilweise auf den Hammerwerken zu Stabeisen verarbeitet, das teilweise in Kurhessen und bis nach Frankfurt abgesetzt wurde, teilweise zu Gussprodukten wie Öfen, Tiegeln, Waffeleisen, Bügeleisen und anderen Gütern verarbeitet wurde. Fast alle Produkte wurden nur auf Bestellung gefertigt.  Auf der Hütte waren nur 7 Arbeiter beschäftigt, die sich alle 24 Stunden ablösten. Im Hammerwerk waren 17 Leute beschäftigt. Insgesamt ernährte die Ludwigshütte 60 – 70 Familien ohne Bergleute, Holzhauer und Fuhrleute.

 

1835 entschloss sich die Regierung, da keine Pächter gefunden wurden, die Ludwigshütte einschließlich der Eisenhämmer in Hatzfeld und Battenberg und der eigenen Gruben zu verkaufen.

Der Mechanikus August Wernher zu Darmstadt, 2. Joseph B. Barth zu Frankfurt und 3. die Sozietät J.W. Buderus Söhne bewarben sich dafür. August Wernher zu Darmstadt erhielt für 204.000 Gulden den Zuschlag. Da eine große Menge an Guss und Vorräten zusätzlich erworben werden musste, erhöhten sich die Aufwendungen auf 286.175 Gulden. Das Unternehmen firmierte unter Krafft & Wernher. Sie errichteten gleich einen zweiten neuen, 9,9 m hohen Hochofen, und eine Vielzahl anderer Gebäude sowie eine Maschinenfabrik. Die bemerkenswerteste Neuerung war die Gichtausnutzung zur Winderhitzung und die Einführung des Puddelverfahrens, die um 1837 in Deutschland eine Pionierleistung darstellte. Damit gehörte die Ludwigshütte zu den modernsten Anlagen in Deutschland. Es ist jedoch nicht sicher, dass diese Verfahren dauerhaft eingesetzt wurden, da es immer wieder technische Probleme gab. Das überzählige, also nicht selbst verwendete Roheisen, wurde an das Hammerwerk zu Arfeld bei Battenberg und an den Niederlaaspher Hammer verkauft. Ebenfalls neu war die Errichtung zweier Kupolöfen mit Koksheizung. Ihr Wirkungsgrad wurde durch Kopplung mit den Abgasen der Hochöfen deutlich verbessert. Damit konnte, verbunden mit dem Puddelverfahren, in 2. Schmelzung hochwertiges Schmiedeeisen hergestellt werden.

   Die neue Technologie war noch nicht ausgereift und brachte zunächst keine höheren Erlöse mit sich. Nicht zuletzt infolge von technischen Fehlschlägen schied August Wernher während der Eisenkrise 1842 aus dem Unternehmen aus. Die Ludwigshütte wurde danach unter der Firma Verwaltung der Ludwigshütte weiterbetrieben. Miteigentümer war Bergrat Wilhelm Schenk, Sohn des Staatsrates, der ab 1844 alleiniger Leiter der Hütte wurde, die bis 1853 unter der Firma Gesellschaft Ludwigshütte geführt wurde.

1850 bestand die Hütte aus 2 Holzkohlehochöfen, 2 Kupolöfen, 1 Flammofen, 7 Frischfeuer, 3 Kleinfeuer, 1 Puddelofen und einem Schweißofen. Von den beiden Holzkohlehochöfen lief einer für die Roheisenherstellung, der andere für die Gusswarenproduktion 1. Schmelzung bei einer wöchentlichen Leistung von durchschnittlich 300 Ctr. 

Beschäftigt wurden 117 Mann und mit Eisensteingruben und dem Hammerwerk waren es zusammen 210 Leute.

   Für die Leitung der Hütten im Hinterland waren Marktpreise, der richtige Zeitpunkt für Investitionen und die Konkurrenzsituation schwer überschaubar, so dass es häufig zu Fehleinschätzungen und damit zu oft wechselnden Betreibern kam. 1852 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 360.000 Gulden umgewandelt, die je zur Hälfte in den Händen der Familie Kraft und Schenk lag. Die Firma lautete nunmehr Direktion der Gesellschaft Ludwigshütte. Die Ludwigshütte begann sich mit ihren angeschlossenen Hammerwerken auf das neue Kohlezeitalter vorzubereiten und trennte sich sukzessive von alten Produktionstechniken.

   Die Besitzverhältnisse wechselten bald wieder. Im Jahre 1857 ging die Ludwigshütte in den Besitz der Bank für Handel und Industrie zu Darmstadt (2/3) und der Mitteldeutschen Creditbank zu Meiningen (1/3) über. Der Aktienwert war inzwischen auf 375.000 Gulden gestiegen. Zusätzlich mussten die Banken Forderungen, Roh- und Fertigwaren in Höhe von ca. 161.000 Gulden übernehmen. Die Leitung der Hütte übernahm 1859 Georg Noll und der Firmenname wechselte abermals, diesmal in Oberhessischer Hüttenverein zu Ludwigshütte. Noll baute die Ludwigshütte zu einem der modernsten Eisenbetriebe aus. Die Banken schlugen einen Zusammenschluss der Hüttenindustrie an Lahn und Dill  mit der Ludwigshütte als Keimzelle dieser Großfusion vor, aber die vielen Familienunternehmen der Region konnten sich mit dieser Idee noch nicht anfreunden.

   Das Produktionsprogramm der Ludwigshütte wurde vor allem im Gussbereich erheblich ausgeweitet. Erze wurden nun auch aus anderen Gruben bezogen, was aber zu unerkannten Problemen führte, da offensichtlich die unterschiedliche Zusammensetzung der Dill- und Lahnerze nicht bekannt war. Auch unternehmerische Fehlentscheidungen häuften sich, so dass Wachstum des Unternehmenswertes und Gewinne permanent bis 1869 stagnierte. Schließlich entschlossen sich die Banken, die Ludwigshütte an die die drei rührigen Söhne des Unternehmens J.J. Jung aus Steinbrücken zu verkaufen.

 

Die Ludwigshütte unter der Firma J.J. Jung und dem „Hessisch –Nassauischen- Hüttenverein“

 

Nachdem die Familie Jung 1870 sämtliche Aktien von den Anteilseignern des Oberhessischen Ludwigshütte erworben hatte, firmierte das Unternehmen der Hütte als dritter selbständiger Bereich neben den Werken um Steinbrücken und der Amalienhütte in Laasphe als Oberhessischen Hüttenverein zur Ludwigshütte. Direktion und Verwaltungsrat lagen in den Händen der Familienmitglieder. Ein neuer Gesellschaftsvertrag regelte als Folge der inzwischen sehr verzweigten Familie eine strikte Trennung der kaufmännischen und der technischen Leitung fest. Die Ludwigshütte war hierbei das bedeutendste Eisenwerk der Familie Jung.

Die Weiterverarbeitung des Roheisens zu Schmiedeeisen hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Aufkommen des Puddelverfahrens sehr verändert, so dass viele Hammerwerke aufgegeben werden mussten. Anfang der 70er Jahre wurden auch die zur Ludwigshütte gehörenden Hämmer veräußert. Als erster übernahm 1874 die Firma Hasenclecer & Sohn der Auhammer für 12.000 Reichstaler, die das Werk bis heute betreibt. 1876 folgte der Abriss des Hatzfelder Hammers.                

Im Jahre 1883 folgte die Überführung alle Betriebe der Familie Jung in die Aktiengesellschaft Hessen-Nassauischer Hüttenverein, die sie 1892 in eine GmbH umgewandelte. Schon in der Zeit der AG begann auf den Hütten der Umstellung von der Holzkohlenverhüttung zur reinen Kupolofengießerei. Auf der Ludwigshütte wurde dieser Schritt 1886 vollzogen und führte damit endlich zu einem Durchbruch in der Gussproduktion, die mit 575 Tonnen im Jahr 1867 auf 4600 Tonnen im Jahr 1912 anstieg. Die Gusserzeugung in 2. Schmelze hatte sich auf der Hütte endgültig durchgesetzt.

  Nach Fertigstellung der Eisenbahnlinie Marburg-Laasphe im Jahre 1883 bekam die Ludwigshütte einen eigenen Gleisanschluss. In dieser Zeit erfolgte eine völlig neue Ausrichtung der Produktion auf der Hütte. Die Konzentration auf die Gussherstellung in 2. Schmelze mittels Kupolöfen löste die Holzkohlenverhüttung sukzessive ab. Damit wurde der Hessen-Nassauische Hüttenverein und die ihr angeschlossene Ludwigshütte zu einem reinen Gießereibetrieb. 

 

Die Ludwigshütte als Gießereibetrieb zum Ende des 19. Jahrhunderts

Der Betrieb wurde aber weiterhin „Ludwigshütte“ genannt, obwohl jetzt keine eigentliche Eisenverhüttung mehr stattfand. Im Zentrum der Modernisierungsmaßnahmen standen die Vergrößerung bestehenden Gießereianlagen und besonders die Einrichtung von Veredelungswerkstätten. 1888 erhielt die Ludwigshütte als erste Gießerei in Hessen-Nassau ein Emaillierwerk, in dem zunächst Sanitätsguss und Poteriewaren emailliert wurden. Als Auftragsarbeiten für andere Werke des Hüttenvereins und für Buderus übernahm man ebenfalls das Emaillieren deren Produkte. Gleichzeitig wurde das Programm von Gusserzeugnissen erheblich ausgeweitet. Wurden 1883 noch 3.385 t Guss auf den 4 Jung-Hütten (Amalienhütte, Eibelshäuser Hütte, Ludwigshütte, Neuhüttte) erzeugt, so waren es 1904 schon 18.791 t. Die Ludwigshütte erzeugte 1897 insgesamt 3.115 t Guss mit 348 Arbeitern und 14 „Beamte“, wie damals kaufmännische Angestellte genannt wurden. Zu den Hauptprodukten gehörte ein unfangreiches Ofenprogramm. Je nach Geschmack wurden die Öfen farblich emailliert. Um 1900 enthielt der Katalog nahezu alle Gegenstände, die im Gussverfahren hergestellt werden konnten. Verbunden mit den Herstellungsverfahren war die Entstehung neuer Berufe wie der des Modelleurs, Zieseleurs und Modellschlossers.

        

Der Hessen Nassauische Hüttenverein hatte nach Inbetriebnahme des Hochofenwerkes in Oberscheld seine Werke mit einer elektrischen Ringleitung, der ersten in Deutschland, verbunden. 1910 wurde das Werk in Biedenkopf an die 22 kV-Leitung angeschlossen. Der elektrische Strom diente als Antriebskraft für mehrere Geräte und Maschinen, wie Abhebeformmaschinen, Kräne u.a.m. Die 22 kV Leitung wurde über eine Stichleitung an das Trafohaus am Kranberg geführt, der damit zu den ältesten Trafohäusern gehörte. Das Netz wurde 1930 von der EAM übernommen.

1935 fusionierte der Hessen-Nassauische Hüttenverein mit den Buderus’schen Eisenwerken in Wetzlar. Die Ludwigshütte war damit eines der bedeutendsten Betriebe des Buderus Konzerns. Im selben Jahr wurde ihr das auf der anderen Lahnseite, 1841 als Zeug- und Wappenschmiede gegründetes Lettmannswerk angegliedert. Die Lettmannswerke stellten Produkte für den Metzgereibedarf her und hatten auch ein kleines Sägewerk angegliedert. Dieses nutze nun Buderus zur Lieferung von Verpackungshölzern und Paletten.

 

Von nun an bestimmte Buderus die Entwicklung der Hütte, wobei bereits mit Kriegsbeginn auf die Rüstungsproduktion umgestellt werden musste. 1935 hatte die Hütte ca. 700 Mitarbeiter. Nach dem Krieg wurde die Ofen- und Herdproduktion mit Schwergewicht auf Heiz und Kochgeräte wieder aufgenommen. Die Herdfertigung lief 1950 und die Ofenfertigung 1965 aus. Um die Gießerei und das Emaillierwerk zu erhalten wurden unterschiedliche Gussprodukte für die Elektroindustrie hergestellt und Großboiler emailliert. In der Folgezeit konzentrierte Buderus den Modellbau auf der Ludwigshütte in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Werk in Wallau. 1975 legte Buderus die Gießerei und das Emaillierwerk still und verlagerte die Luft- und Klimageräteherstellung nach Biedenkopf. Außerdem wurden Teile für die Flugzeugküchenherstellung des Buderus-Werkes Sell in Herborn-Burg nun auf der Ludwigshütte gefertigt. 1984 waren noch insgesamt 420 Mitarbeiter in diesen Bereichen tätig

   Im weiteren Verlauf beanspruchte Buderus auf Grund von Strukturänderungen auf dem Stahlmarkt nur noch einen erheblich verkleinerten Produktionsbereich. Ein Teil der Gebäude wurden verkauft bzw. verpachtet. Das Areal wandelte die Stadt Biedenkopf zu einem Industriegebiet um. Im Jahre 2002 wurden im Rahmen des Baus einer Umgehungsstraße viele Gebäude abgerissen. Wegen ihres Denkmalschutzwertes wurden sie jedoch vorher gründlich dokumentiert und fotografisch erfasst.    

   Nach dem Verkauf von Buderus an Bosch im Jahre 2005 gründete Bosch die Buderus-Guss GmbH mit sitz im benachbarten Breidenbach. 2007 wurde die Ludwigshütte Zweigwerk dieses Unternehmens. Hergestellt werden in erster Linie Bremsscheiben für die Automobilindustrie.

 

Heutige Situation

 

Der umfangreiche Gebäudebestand aus dem 19. und 20. Jh. größtenteils 2001 abgebrochen. Erhalten: Direktorenvilla (Wittgensteiner Str. 18), 1906, großer Putzbau mit Sandsteingliederungen, Vorbau, verglaste Loggien aus Fachwerk, das Dach durch große Gauben belebt. Verwaltungsgebäude, heute „Hütter Treff“ (Hüttenstr. 3), 1919, langgestreckter Bau mit Fachwerkobergeschoss. - Ein langer, eingeschossiger Bau (ohne Nr.), um 1920, die Mitte risalitähnlich mit Lisenen und flachem Dreiecksgiebel, Mansardendach.