Margarethenhütte - (Lahnhütte) Gießen

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Werk 1880 - Kopie AUS
Werk 1880 - Kopie
Grundriss_der_Hütte
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Geschichte

 

Während die meisten Eisenhüttenwerke an der Lahn und Dill auf eine oft jahrhundertlange Tradition zurückblicken können, wurden einige Werke aus verkehrstechnischen Gründen erst mit dem Bau von Eisenbahnstrecken erbaut. Hierzu gehört auch die Margarethenhütte, vormals Lahnhütte in Gießen. Sie wurde 1873 von der „Aktiengesellschaft Lahnhütte“ direkt am Güterbahnhof von Gießen errichtet. Aktionäre waren Finanzleute aus Gießen, Wetzlar, Hamburg, Harburg und Axthause in Westfalen, die sie mit einem Aktienkapital von 825.000 Mark gründeten. Vorsitzender des Aufsichtsrates war Friedrich Thörl aus Hamburg, Vorstand war Hüttendirektor Alfons Bünger aus Gießen. Die Gesellschaft beabsichtigte ursprünglich den Bau mehrerer Hochöfen mit Steinkohlen- bzw. Kokserzeugung. Mit dem Bau der Hütte wurde im Sommer 1873 begonnen. Leiter der Bauarbeiten war der Ingenieur Macco aus Siegen. Bis 1880 war jedoch nur ein Hochofen schottischer Bauart errichtet worden, der im Februar 1875 angeblasen wurde. Er war 17,20 m hoch und hatte am Kohlesack einen Durchmesser von 5,30 Metern. Der Ofeninhalt fasste 212 cbm. Der Hochofen war gemäß den modernsten Erkenntnissen mit einer Wasserkühlung, zwei Förderaufzügen und zwei Winderhitzern ausgestattet. Die Winderhitzung erzeugten zwei 150-PS Zwillingsgebläsemaschinen. Sechs Dampfkessel, die mit dem Gichtgas geheizt wurden, sorgten für die nötige Betriebskraft. Die Kühlung des Hochofens und die Kondensation der Gebläsemaschinen erfolgten mit dem Wasser der Lahn, das mittels eines gemauerten Kanals und zweier Pumpen dem Wasserbehälter zugeführt wurde. Da das Werk direkt zwischen dem Güterbahnhof und der Lahn lag, hatte es einen direkten Gleisanschluss an den Bahnhof in Gießen.

Der Koks für den Hochofen kam direkt mit der Bahn aus Zechen in und um Dortmund. Das Erz wurde aus der Grube Edelstein bei Beuern und Wintersberg bei Butzbach bezogen. Mit dem modernen Hochofen konnten die Betreiber täglich wurden 30 t Puddelroheisen erzeugen.

Das Eisenhüttenwerk hatte jedoch nur ein Jahr Bestand und kam zum Erliegen. Die Aktiengesellschaft meldete Konkurs an. Für die Übernahme des Werkes interessiert sich u.a. auch die Familie Römheld von der Friedrichshütte in Ruppertsburg bei Laubach, die dieses Werk 1871 von Buderus übernommen hatte. Auf Vorschlag von Georg Buderus III von der Main-Weser-Hütte übernahm Buderus von der Berliner Bank als Hauptgläubiger 1880 die damalig genannte Lahnhütte. Zwei Gründe waren dafür entscheidend: 1. Buderus war auf der Main-Weser-Hütte in Lollar mit der Gießereiroheisenerzeugung zu sehr eingeengt. Da bot sich die nahe gelegene Lahnhütte, die ebenfalls über einen Bahnanschluss verfügte, als Standort eines weiteren Werkes geradezu an. 2. Befürchtete Buderus, dass durch die Übernahme von anderen bedeutenden Roheisenherstellern wie J.J. Jung und Haas eine unliebsame Konkurrenz direkt vor seiner Haustür entstehen könnte. Der Kaufpreis des Werkes betrug 450.000 Mark, zahlbar in fünf Raten bis 1884. Nach dem Namen ihrer Mutter Margarethe Buderus benannten Georg Buderus III und sein Bruder Hugo das Eisenhüttenwerk „Margarethenhütte“.

Buderus übernahm das Werk 1880 erneut in Betrieb. Bis auf den zusätzlichen Einbau von Winderhitzern wurden keine technischen Verände-rungen vorgenommen. Es gelang jedoch, die Ausbringungsmenge auf 60 t täglich zu steigern.

Zunächst wurde jedoch das immer noch begehrte Puddelroheisen erzeugt. Das auf der Margarethenhütte erzeugte Kokspuddelroheisen auf der Grundlage des heimischen Roteisensteins unter Zusatz von Giessener Mangan- und siegerländer Spateisenstein erfreute sich in der Tradition des alten Holzkohleroheisens großer Beliebtheit. Es wurde als Qualitätsroheisen auf den Puddel- und Walzwerken in der Lahn-Dill-Region, im Siegerland, in Elsaß-Lothringen, im Saargebiet und anderen Revieren verwendet und begründete damit schnell den guten Ruf des Buderus’-schen Roheisens. Es wurde vor allem zur Herstellung von Produkten verwendet, bei denen es auf große Zähigkeit und Festigkeit ankam. Das Puddelroheisen von der Hütte wurde in großen Mengen auch nach Frankreich, Belgien und Österreich ausgeführt. Buderus lieferte drei Qualitätsstufen von Roheisen, wobei die Gruppe I die höchste Qualität hatte. Auf der Margarethenhütte wurde nur Qualitätsroheisen der höchsten Stufe I erblasen.

Als einzige Verwertung von Kuppelprodukten wurde im Jahre 1881 dem Unternehmer Peter Rehm aus Wetzlar die Verwertung der Hochofen-schlacke gestattete. Rehm erzeugte in einer Fabrik an der Schlackenhalde mit zwei Handpressen jährlich 1 Million Steine. Ab dem Jahr 1882 übernahm der Unternehmer A. Stein, der auch die Hochofenschlacke auf der Sophienhütte in Wetzlar verarbeitete, zusätzlich das Werk auf der Lahnhütte. Stein errichtete in Gießen eine neue Fabrik mit einer Dampfpresse und erzeugte damit jährlich 1,25 Millionen Steine.

Die Hütten des Lahn-Dill-Gebiets hatten zunehmend einen entscheidenden Standortnachteil zu verkraften. Mit zunehmender Roheisenerzeugung mittels Verhüttung durch Steinkohle bzw. Koks gewannen die großen Hütten an Rhein und Ruhr zunehmend an Bedeutung. Es war wirtschaftlicher, das Erz per Schiff zu den Kohlestandorten zu befördern, als die Kohle per Bahn zu den Eisensteinlagerstätten an Lahn und Dill zu transportieren, auch nachdem hierfür Sondertarife der Bahn vereinbart wurden. Nach und nach wurde die Roheisenerzeugung im Lahn-Dill-Revier eingeschränkt, insbesondere die von Puddelroheisen, das immer weniger nachgefragt wurde. Die Margarethenhütte war von Buderus ausschließlich auf die Erzeugung von Puddelroheisen eingerichtet worden. Eine Weiterverarbeitung anfallender Kuppelprodukte, mit Ausnahme der Schlackenverwertung, oder gar der Herstellung von Metallwaren oder Gießereiprodukten waren nicht geplant. Inzwischen war die Sophienhütte in Wetzlar von Buderus zum modernsten Roheisenwerk ausgebaut worden, während die Margarethenhütte nicht modernisiert wurde. Das Werk entsprach nicht mehr den modernen Anforderungen und arbeitete mit zu hohen Gestehungskosten. So entschloss sich Buderus, die Margarethenhütte aufzugeben. Der Hochofen wurde Ende Februar 1898 niedergeblasen und das Hüttenwerk im Jahre 1900 an die Stadt Gießen verkauft, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, denn Buderus hatte vor allem in den Ausbau ihrer Bergwerke viel Kapital gebunden.   

 

Gegenwärtige Situation

Da die Margarethenhütte bereits im Jahre 1900 an die Stadt Gießen verkauft wurde, ist der Gebäudebestand nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Es befinden sich aber noch Gleisanlagen, die teilweise nur notdürftig mit Sand abgedeckt sind, deren Verlauf dadurch aber gut sichtbar ist. Auf dem Gelände befinden sich alte Lagerschuppen direkt an den Gleisanlagen, so dass anzunehmen ist, dass die Gebäude ursprünglich Bestandteil des Hüttengeländes waren. Hierzu gehört auch das ehemalige Raiffeisengebäude, das mit dem Gießereigebäude auf alten Hüttenaufnahmen große Übereinstimmungen zeigt.