Michelbacher Hütte - Aarbergen/TS

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Nach einer über 350 Jahren wechselhafte Geschichte der Hütte, die vor allem mit dem Namen J.W. Lossen verbunden war, erwarb 1884 der Frankfurter Architekt Samuel Passavant, der mit der Kanalisierung der Stadt Frankfurt beauftragt war, die Hütte und stellte dort viele Kanalgussartikel, die es bisher nicht gab, her.Seinen Namen findet man heute noch auf vielen Kanaldeckeln. Nach dem 2. Weltkrieg erwarb 2000 die ACO- Gruppe von Severin Ahlmann, einer der beiden Spezialunternehmen (neben Buderus/Meier) für Kanalgussartikel, aus Büdelsdorf bei Kiel das Werk.

Die Geschichte

 

Graf Johannes zu Nassau-Idstein, Wiesbaden und Saarbrücken gründete kurz nach dem 30jährigen Krieg 1652 ein Eisenhüttenwerk in Michelbach (Aarbergen) im hohen Taunus nördlich von Wiesbaden. In unmittelbarer Umgebung befanden sich Eisenerzgruben in Rückershausen, Bonscheuer, Mudershausen, Allendorf und Berghausen, deren Erze der Graf auf der Hütte verwenden wollte. Einer der Beweggründe für Graf Johannes war die hohe Eisennachfrage, die sich aus dem Krieg zwischen den Niederlanden und England ergab. Ein anderer Grund ergab sich aus der Situation, dass viele Hütten nach dem gerade beendeten 30jährigen Krieg ihren Betrieb noch nicht wieder aufnehmen konnten, so dass die Aussichten für einen erfolgreichen Hüttenbetrieb gut waren.

Mit der Durchführung der Bauarbeiten des Hüttenwerkes beauftragte Graf Johannes den Amtmann zu Nassau und Burgschwalbach, Georg Philipp Plebanus. Plebanus war ein junger, aber tatkräftiger und geschickter Planer und Konstrukteur. Er errichtete ließ die Hütte an einem Wassergefälle des Aubaches, der damals noch Strinzaffa genannt wurde. Dieser Ort lag zwischen Michelbach und Kettenbach.    

 

Die erste Produktion

 

Die Bauarbeiten verzögerten sich aus vielerlei Gründen, so dass die erste Eisenherstellung erst im Herbst des Jahres 1656 erfolgte. Die gräfliche Hüttenverwaltung erhielt 21 Wag und 65 Pfund Eisen. Graf Johannes besaß keine ausreichenden Geldmittel, um den Betrieb der Hütte regelmäßig zu betreiben und auf den neuesten technischen Stand zu bringen. Dazu fehlten ihm auch die nötigen Fachleute. Die Hütten von Mariott in Evers an der Lahn als auch die Hütte von Gerolstein waren nur außerordentlich schwer zu überreden, geeignetes Personal abzugeben oder auch nur auszuleihen. Die Michelbacher Hütte beschränkte sich auf die Herstellung von Poteriewaren sowie Öfen (Bacchus- und Herkulesöfen), Stabeisen und Kanonenkugeln. Letztere gingen vor allem nach Holland.

Die Ofenproduktion stieß auf eine lebhafte Nachfrage. Es wurden ca. 35 Ofentypen hergestellt. Zur Gestaltung der Modelle holte man sich den Bildhauermeister Arnold von Mainz. Trotz der guten Umsätze wurden praktisch keine Gewinne erzielt, weil der gräflichen Hofhaltung Stab- und Schmiedeeisen und viele Gusswaren kostenlos überlassen werden musste. Hiervon machte der Hof reichlich Gebrauch.   

Auf Grund der Deutsch-Französischen Kriegswirren im 17. Jahrhundert war der Verkauf von Produkten auf der linken Rheinseite erheblich behindert, so dass dieser schließlich ganz eingestellt werden musste. Im Jahre 1677 verlor die Hotte durch den Tod von Graf Johannes seinen wichtigsten Förderer.

 

Das Problem der Kohlekosten – Die Hütte in der Zeit zwischen 1720 bis 1747

 

Nach Beruhigung der politischen Situation hatte die Hütte um 1723 wieder eine gewisse Rentabilität erreicht. Die Rentenkammer ermittelte einen Gewinn der Hütte und des ebenfalls der Grafschaft zugehörenden Hammerwerkes in Burgschwalbach im Zeitraum von 1720 bis 1730 auf 73. 000,00 Goldgulden, wie der sehr gewissenhafte Buchhalter feststellte.

Im Jahre 1728 verstarb Graf Friedrich von Nassau-Ottweiler ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen. Die Grafschaft viel daher an Nassau-Usingen. Damit unterstanden weitere Betriebe dem Idsteiner Hüttenamt: Neben der Michelbacher Hütte die Eisenhütte von Emmershausen, die Hämmer zu Emmershausen und Rod an der Weil und der Neuhammer zu Altweilnau.

In diesem Jahr klagten die Förster zum ersten Mal über die zunehmende Holzknappheit im Land. Sie trugen dem Landesherrn vor, dass der gewaltige Verbrauch der Schmelzöfen und Hämmer an Holzkohle zu einem Ruin der Wälder führt. Durch die Verbindung der Grafschaft mit dem Saarland hatte man die Verwendung von Steinkohle hatte man die Verwendung von Steinkohle kennen gelernt. Die Kohle konnte per Schiff bis nach Bieberich für 26 Kreuzer pro Zentner gebracht werden. Die Versuche mit der Saarkohle scheinen positiv verlaufen zu sein. Dennoch verteuerte sich nicht nur die Holzkohle, sondern jetzt auch die Steinkohle. Als Gegenmaßnahme einigte sich das gräfliche Hüttenamt mit mehreren Hüttenbesitzern dahingehend, dass man für ausländische Kohle nicht mehr als 15 Gulden für das Fuder zahlen und zur Hebung des Eisenpreises die Wag nicht unter 9 ½ Gulden verkaufen würde.

1735 ging man noch weiter. Unter Federführung von Fürst Karl zu Nassau-Usingen vereinbarten die Hüttenverwalter von Michelbach, Usingen, Weyer, Löhnberg und Weilburg einen festen Verkaufspreis für Eisenartikel von 7 Pfennig je Pfund. Diese Preise erwiesen sich jedoch als nicht haltbar, da Dillenburger, Wittgensteiner und Berleburger Eisen viel billiger angeboten wurde. Fürst Karl versuchte mit den Regierungen von Dillenburg, Hachenburg und Berleburg ein gemeinsames Preiskartell für Eisen durchzusetzen, was aber vorläufig nicht gelang. Erst zehn Jahre später gab es die ersten gemeinsamen Preisabsprachen.   

 

Preisregulierung und Verkaufsförderung

 

Erst 1747 konnte mit der Dillenburger Rentkammer Preisabsprachen bei Eisen, Wasserkrug- und anderen Öfen getroffen werden. Hierbei wurde auf Vorschlag der Dillenburger Rentkammer die Herren Buderus zu Laubach, Rodenberger von der Bieler Hütte und Pauli zu Katzenellenbogen in die Vereinbarungen einbezogen.

Die Michelbacher Hütte stellte 1750 insgesamt 256 Plattenöfen sowie 6.440 Pfund Kleingussteile her. Alleine für die Schmelze wurde in den Jahren von 1751 bis 1760 ein Reingewinn von 66.839 Gulden erwirtschaftet. Der Fürst förderte auf vielfache Weise die Eisenproduktion. Die Anweisung, einen Hochofen zur besseren Eisenerzeugung umzurüsten, erwies sich jedoch als ein Fehlschlag, da das Eisen nicht besser, sondern schlechter wurde.

Um den Verkauf von Produkten der Michelbacher Hütte zu fördern, wurden in Biebrich, Arnstein, Lahr, Frankfurt und anderen Orten sog. „Faktoreien“ errichtet.

 

Erste Krise

 

Nach Ende des Siebenjährigen Krieges im Jahre 1763 ging die Nachfrage nach Eisen, wie auch nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, erheblich zurück und zogen vor Ausbruch der Französischen Revolution wieder deutlich an. 1794/95 ließ sich die Michelbacher Hütte auf ein Kriegsgeschäft ein, das ein Frankfurter Kaufmann und ein preußischer Offizier vermittelt hatte. Die gesamte Produktion wurde auf die Herstellung von Bomben und Kanonenkugeln umgestellt. Die Hüttenverwaltung verdiente an diesem Geschäft 13.900 Gulden und erreichte außerdem, dass die Hütte von den französischen Truppen verschont blieb, die ansonsten viele andere Werke besetzten und zerstörten. Allerdings geriet die zivile Eisen- und Gussproduktion ins Stocken, so dass die Hütte in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten kam und kurz vor ihrer Auflösung stand.

 

Ende des Hüttenbetriebes

 

Nach dem Tode von Herzog Friedrich August im Jahre 1816 änderten sich häufig die Pachtverhältnisse. Erfolge und Misserfolge wechselten einander ab. Verschiedene Ideen für eine neue Zukunft des Werkes wurden entwickelt und auch ein Abriss der Anlagen erwogen. Ein abschließender Höhepunkt der Michelbacher Hütte war zweifellos die von J.  W. Lossen in den Jahren 1828 -1830 erbaute Kettenbrücke über die Lahn in Nassau, damals ein Novum in Deutschland. Die Fahrbahn war an bogenförmigen Kettenbehängen befestigt, die von vier Stützpfeilern getragen wurden. Die Hängebrücke mit einer Spannweite 75 m wurde aus 30 t Gusseisen, 70 t Stabeisen und 73000 Eisennägel konstruiert. Sie wurde am 10. Juni 1830 mit großen Feierlichkeiten dem Verkehr übergeben und verrichtete ihren Dienst fast 100 Jahre lang, bis sie dem wachsenden Verkehr zum Opfer fiel.

Anfang der 1840er Jahre hatte die Eisenhüttenindustrie eine schwere Krise durchzumachen, die die Hütte zu Michelbach existentiell traf. England und Belgien, die hüttenmännisch weiter fortgeschritten waren als Deutschland, überschwemmten den deutschen Markt mit Eisen für jegliche Verwendung. Die nassauischen Roheisenerzeuger, an ihrer Spitze der Oberbergrat Carl Lossen, forderten 1838 eine zolltarifliche Regelung der Roheiseneinfuhr. Als der Zolltarif endlich im Jahre 1844 eingeführt wurde, war das Schicksal der Michelbacher Hütte längst besiegelt und die Gebäude und Anlagen waren sichtbar dem Verfall preisgegeben.  

Im Herbst 1884 erwarb der Frankfurter Architekt Adolf Samuel Passavant das fast zerfallene Hüttengelände. Er baute die Hütte nach neuen technischen Erkenntnissen auf und begann die Produktion von Kanalisationsartikeln, die bei den schnell wachsenden Städten großen Absatz fanden. Damit begründeten die Passavant-Werke den Weg zu einem europaweiten Erfolg im 20. Jahrhundert.

 

Die Hütte nach dem Zweiten Weltkrieg

 

Die Passavant-Werke wurden nach dem Zweiten Weltkrieg an den Bilfinger Konzern verkauft und in der Folgezeit in verschiedene Unternehmensgruppierungen integriert. Inzwischen gehört die Michelbacher Hütte zu der ACO Gruppe aus Büdelsdorf (ACO Severin Ahlmann GmbH & Co. KG), einem Spezialisten der Entwässerungstechnik im Hoch- und Tiefbau. Das Unternehmen stellt auf dem Areal der Hütte Komponenten und Systemlösungen im Bereich der Wasser-, Abwasser- und Schlammbehandlung, der Wasserentnahme und der Vakuumtechnologie her.

   Den Produkten begegnet man vor allem bei der Straßenentwässerung. Im Bereich der Kanalisationstechnik, dem Hauptanliegen von Passavant, folgt es dessen Produktstrategien, die heute jedoch auf eine sehr viel stärker differenzierte Nachfrage trifft. Dazu kommen spezielle Entwässerungsangebote in Garten- und Landschaftsbau, im Zusammenhang mit Sportanlagen und in der maritimen Technik.

   Die Michelbacher Hütte war dann ein Kalibrierungsbetrieb für alle Kanalisationsprodukte und ein weltweit operierendes Spezialunternehmen der Entwässerungstechnik. Auch wenn die Rohprodukte heute in Billiglohnländern produziert werden, erfolgte die Feinbearbeitung und die DIN-Kalibrierung noch in den inländischen Werken der ACO Gruppe, auch auf der Michelbacher Hütte.

Da ACO weltweit Werke besitzt und in Ausland preiswerter Massenguss produzieren kann, wurde die Gießerei 2015 stillgelegt. Nach der Schließung der Gießerei 2015 und weiterem Stellenabbau in der Verwaltung Anfang 2016 war die Zahl der Mitarbeiter bei ACO Passavant Guss auf etwas über 100 geschrumpft. In Aarbergen konzentrieren sich die verbliebenen etwa 150 Mitarbeiter jetzt auf die übrigen Produktionsbereiche: mechanische Bearbeitung, Lackiererei, Betonwerk, Entwicklung und Logistik. Anfang 2019 begann ACO Passavant Guss wieder zu investieren und spezialisierte sich auf Lichtschächte aus Beton für Häuser und Tiefgaragen.

Heutiger Bestand

 

Auf dem Hüttengelände bestehen verschiedene ältere Bauten. Ein zweistöckiges Fachwerksgebäude mit gemauertem Untergeschoss und aufgesetztem kleinem Feuerglockenturm gehören zum ältesten Teil der Hütte. Es diente als Schlafhaus, heute enthält es Wohnungen. Daneben steht die zweistöckige Villa der Passavants mit ausgebauten Dachgauben und einem schieferbedeckten Walmdach aus Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wird heute als Konferenzsaal verwendet. Dazu gehört ein sehr gepflegter Garten.