Oberndorfer Hütte

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Geschichte

 

Im Lahn-Dill-Gebiet entwickelten sich schon in frühester Zeit protoindustrielle Zentren der Eisengewinnung und Eisenverarbeitung. Einer dieser Zentren entstand um Wetzlar.

In Oberndorf (heute Solms) bei Braunfels wird eine Hütte, oder „Schmelz“, wie sie früher genannt wurde, schon im 17. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Die Grafen von Solms-Braunfels errichteten hier vor etwa 300 Jahren eine Schmelzhütte und einen Eisenhammer im Solmsbachtal. Am 16. März 1666 verpachteten sie die Hütte dem Eisengießer Philipp Sorge für einen Jahreszins von 200 Reichstalern und 10 wag Stabeisen. Sorge wurde verpflichtet, den Holzbedarf nur im Inland zu decken. Die Holzverknappung und die schlechte Eignung der Holzkohle für eine moderne und wirtschaftliche Herstellung von Gusseisen gestalteten die Verhüttung unrentabel. Die sehr viel besser geeignete Kohle als Brennstoff stand mangels fehlender Verbindungen nicht zur Verfügung. Das führte Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts zur Aufgabe vieler Hütten. Auch die Oberndorfer Hütte stand still.

1672 übernahm Konrad Brender die Hütte, der auch den Brückenhammer bei Leun auf Rechnung des Landesherrn betrieb. Er goss schon damals, wie später auf fast allen Hütten an Lahn und Dill, Ofenplatten mit vielen unterschiedlichen Mustern. Sehr beliebt waren seinerzeit Kunstgussplatten mit biblischen Motiven, mit deren Herstellung sich viele Hütten über Wasser hielten.

 

Einen Ausweg aus der Krise sah man die Umwandelung der Hütte in eine Kupferschmelze. Die Kupfervorräte waren jedoch gering, so dass die Hütte 1773 und 1774 wieder als Eisenhütte eingerichtet wurde. Ein für jene Zeit moderner neuer Hochofen wurde erbaut, um das Eisengeschäft wieder zu beleben. Die Produktion auf den solms-braunfelsischen Hütten blieb im Vergleich zu anderen Revieren jedoch aufwendig, da der Eisengehalt des eigenen Erzes gering war und die Hochöfen unverhältnismäßig viel Holzkohle benötigten. Die wirtschaftlichen Vorteile, die der Krieg gegen Frankreich gerade der Eisenindustrie bot, konnte die Hütte nicht ausnutzen. Einen Auftrag der österreichischen Armee auf 46 000 Kugeln und 6 000 Granaten konnten von den Hütten in Oberndorf und Aßlar, die gemeinsam bewirtschaftet wurden, nicht angenommen werden, weil es an Arbeitskräften und Rohstoffen mangelte.

Die Fürstlich Solmssche Hüttenverwaltung erzielte 1826 bis 1842 mit den Hütten in Oberndorf und Aßlar nur einen Gewinn von 5042 Gulden jährlich, wobei der Oberndorfer Hütte durch die Umstellung auf Gusswarenerzeugnisse den größten Teil dazu beitrug. Der Hauptverdienst an der Umstellung auf die Gießerei kam dem ehemals für Buderus in Aßlar tätigen Philipp Kellner zu, der sowohl technisch als auch kaufmännisch sein außergewöhnliches Talent bewies. Aber trotz Einführung der Gießerei in der Hütte zu Oberndorf entsprach das geschäftliche Ergebnis des Betriebes der Solmsschen Hütten nicht deren Erwartung. Die Roheisenpreise waren nach Kriegsende gefallen und die Löhne zogen stark an. Auch ein längerfristiger Abnahmevertrag des Roheisens durch Bergrat Johan Wilhelm Buderus II. konnte den Niedergang der Hütte nicht aufhalten. Schließlich pachtete Buderus 1846 die Hütte für 15 Jahre zu einem Pachtzins von 7.600 Gulden pro Jahr, schloss diese aber nach Ablauf der Pachtzeit im Jahre 1861.

 

Die Funktion der Hütte als Erzeugungsbetrieb von Eisen bzw. Gusseisen war damit beendet. Fortan siedelten sich verschiedene Firmen des Metallversarbeitungsgewerbes auf dem Gelände an. Der Name „Oberndorfer Hütte“ blieb für den gesamten Gewerbekomplex bestehen.

 

Von 1862 bis 1864 wurden die Betriebsanlagen von der elsässischen Firma Dietrich & Co. übernommen. Danach ging die Firma auf die Gebrüder Hollmann über, die bereits ab 1837 eine Landmaschinenfabrik in Burgsolms betrieben. Das Unternehmen konzentrierte sich auf die Herstellung von landwirtschaftlichen Maschinen für die Bewirtschaftung der in dieser Region eher kleineren bis mittlere bäuerliche Betriebe und exportierte vor allem nach Russland. Damit war die Oberndorfer Hütte zu einem Industrieareal geworden, auf dem sich diverse metallverarbeitende Betriebe ansiedelten, ein Weg, den sie mit vielen Hütten im Lahn-Dill-Revier teilten. Friedrich Hollmann nahm den Hochofen nicht mehr in Betrieb, errichtete aber Kupolöfen für seine Landmaschinenproduktion.

 

1899 schied einer der Brüder Hollmann aus. Seine Anteile an der Hütte erwarb 1902 August Wolter, der in den frei gewordenen Fabrikräumen ein Drahtwerk gründete. Auf der Oberndorfer Hütte arbeiteten nun zwei unterschiedliche Firmen, Fa. Hollman, Landmaschinenwerk und Firma August Wolter, Drahtwerke.

Wolter geriet 1907 in Zahlungsschwierigkeiten. Nach Zwangsversteigerung erwarb Friedrich Wilhelm von Dreusche aus Altena die Firma und führte die Drahtfertigung weiter. Das Hauptgewicht der Produktion wurde auf die Herstellung von Schuhtacks für die mechanische Schuhherstellung gelegt. Dreusche betrieb sein Unternehmen 1913 mit 23 Beschäftigten und bildete auch Lehrlinge aus. Da die Herstellung der Schuhtacks durch ein Unternehmen in Gleiwitz patentrechtlich geschützt war, kam es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, die Dreusche im Jahre 1914 zur Aufgabe seines Unternehmens zwangen.

 

1912 erhielt die Hütte einen Eisenbahnanschluss an die Solmsbachtalbahn, die Grävenwiesbach im Taunus mit dem Anschlusspunkt Wetzlar an der Strecke Köln-Gießen-Frankfurt verband. Das verbesserte die Situation der Bergwerke und Hütten der Region nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch wirtschaftlich, da die Bahn für viele Montanprodukte sehr günstige Ausnahmetarife gewährte. Nach Ende der Bergbaugeschichte in den 1980er Jahren wurde die Strecke 1988 stillgelegt. Das Bahnhofsgebäude und ein Nebengebäude blieben als außergewöhnliches Jugendstilgebäude erhalten.

Im ersten Weltkrieg ruhte die Produktion. Die Gebäude und Anlagen verfielen zunehmend.

Nach Kriegsende übernahm der Eisengroßhändler Peter Weil aus Wetzlar im Juli 1918 die Konkursmasse des Drahtwerkes und begann zunächst die Produktion im früheren Rahmen mit den vorhandenen Anlagen.

Ab 1919 erweiterte Weil das Unternehmen schrittweise um eine Beizerei, eine Glüherei, einen Grob- und Feinzug für die Drahtherstellung sowie um ein Kaltwalzwerk. Dadurch konnte er die Produktion vom Rohmaterial bis zum Endprodukt im eigenen Betrieb vornehmen. Die Produktion beschränkte sich weiterhin vorwiegend auf Schuhtacks und Schustifte sowie auf Drahtstifte. Patentrechtliche Konflikte gab es nicht mehr.

Die Lage des Betriebes direkt am Solmsbach ermöglichte die Errichtung einer Wasserturbine mit 45 PS, die als Kraftquelle für den Betrieb diente. Die Verwendung des elektrischen Stromes ermöglichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Betriebe völlig neue Perspektiven.

Die unmittelbar angrenzende Landmaschinenfabrik Friedrich Hollmann & Sohn lieferte viele ihrer Maschinen nach Russland. In der Wirtschaftskrisenzeit Ende der 20er Jahren blieben die Zahlungen aus Russland aus, so dass das Unternehmen 1927 Konkurs anmelden musste. Peter Weil übernahm die Fabrik von Hollmann, so dass das ehemals getrennte Betriebsgelände der Hütte wieder zu einer Einheit wurde. Die Belegschaft war inzwischen auf 86 Mitglieder angewachsen.

1929 verstarb Peter Weil völlig unvorhergesehen. Sein Schwiegersohn Rudolf Gaerthe führte fortan mit Hollmanns Witwe Johanna Weil die Geschäfte. Aber auch Gaerthe verstarb 1940 im Alter von 40 Jahren, als sich das Unternehmen gerade aus der vorangegangenen Wirtschaftskrise zu erholen begann. Seine Nachfolge übernahm der langjährige Mitarbeiter Karl Jung als Geschäftsführer, der bereits seit 1939 Prokura besaß. Er erweiterte das Produktionsprogramm, da das schmale Sortiment für die Schuhindustrie nicht mehr zukunftsträchtig war. Anlagen und Erzeugnisse wurden erweitert: 1. Die Grüherei wurde durch eine elektrische Anlage ersetzt, 2. Eine moderne Mehrfachdrahtziehmaschine wurde installiert. 3. Die Produktion von Drähten wurde erweitert, was eine erhebliche Diversifikation in diesem Produktionssegment ermöglichte. 4. Die Produktion von Spezialstiften für Maschinen- und Pressluftverarbeitung folgte der Entwicklung im Handwerk. Hiermit wurde das Unternehmen in Deutschland führend. 5. Die Verzinkerei wurde nach neuen Gesichtspunkten auf- und ausgebaut. 6. Die Kleineisenabteilung wurde erweitert und umfasst heute das komplette Programm für Installations-, Klempnerei-, Heizung- und Bedachungsartikel. 7. Einen erheblichen Produktionsschub erfolgte durch die Aufnahme der Produktion von Drahtgeflächtgliedbändern, die in der Backwarenindustrie, der Glasindustrie, im Ofenbau für Trockenanlagen und weiteren Industriezweigen benötigt werden. Das Unternehmen wurde damit in wenigen Jahren führend in Deutschland.

 

Im sozialen Bereich gab es verschiedene Maßnahmen:

Bereits 1943 wurde eine Unterstützungskasse für Notfälle von Betriebsmitgliedern und eine Betriebsrente eingeführt. Diese führt besonders für eine bessere finanzielle Versorgung bei Frühinvalidität und der Altersrente. 1960 baute das Unternehmen ein Gemeinschaftshaus mit Aufenthaltsraum, Wasch- und Duschräumen und einer Küche.

Nachdem Werner Weil, der Sohn des Unternehmers Peter Weil, nach dem Krieg 1947 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, wandelte er die Firma in eine Kommanditgesellschaft um.

Werner Weil wurde persönlich haftender Gesellschafter (Kommissionär), seine Mutter Johanna und seine drei Schwestern Kommanditisten in der nun lautenden Gesellschaft „Oberndorfer Drahtwerke KG“ (D.O.H.)". Seine hochqualitativen Nischenprodukte wurden in 40 Länder verkauft.

Ab 1974 wurde der Bereich Metall- Förderbänder intensiviert, das Produktionsspektrum wurde ausgeweitet und die Produktionsstätten ständig innerhalb des firmeneigenen Werksareals von über 36.000 qm Größe ausgeweitet.

1993 wurde die Tragrollenproduktion ausgegliedert und einer eigenständigen GmbH, DOH & Jennes übertragen. 2001 erfolgte ein Gesellschafterwechsel und einer Neustrukturierung für Architekturgewebe. Ein ehemals verkleidetes Fachwerkgebäude wurde aufwendig restauriert und dient nun als repräsentatives Verwaltungsgebäude. Die Ausweitung des internationalen Geschäftes führte zur Einrichtung einer Export- Abteilung und 2011 wurde das Qualitätsmanagement nach ISO 9001 zertifiziert.

 

Heutiger Zustand

Das Hüttengelände besteht in alter Lage und Größe unverändert. Blickfang ist das direkt am Solmsbach gelegene zweistöckige Fachwerkgebäude, dessen oberes Geschoss- wie das Dach- mit Schiefertafeln verkleidet ist. Es besteht aus zwei um 90 Grad versetzten Baukörpern, wobei der vordere Bau mit der Längsseite dem Solmsbach folgt, während die Front des angefügten zweiten Baus zur Einfahrtsstraße hingerichtet ist.  Es stammt aus der Anfangszeit der Hütte.Architektonisch von besonderen Reiz ist der für diese Gemeine besonders große Jugendstilbahnhof nebst Tiolettenhäuschen, für dessen Restaurierung ein Ehepaar den Hessischen Denkmalschutzpreis erhielt.

 

Der gesamte Gebäudebestand verteilt sich inzwischen eine Vielzahl von Unternehmen, von denen die Oberndorfer Drahtwerke KG (ehem. Weil) und das Schwesterunternehmen DOH & Jennings den Hauptteil nutzen. Dazu kommen: M + G Schweißtechnik GmbH (Mischanlagen), Mohr GmbH (Metallbe- und Verarbeitung), Rücker&Santos OHG (Oberflächenveredelung), OSL Präzisionsteile Gmbh&Co. KG (Oberflächenveredelung), Zimmermann Oberflächenveredelung und Metallbau GmbH (Pulverbeschichtung), Frank Becker (Tischlerei), Brück (Grabmale, Natursteine), Sellmann (Ingenieurbüro), Wienhold Rohrnetztechnik GmbH (Wasserlecksuche).