Gail'sche Tabakfabrik, Gießen

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Sandkauter Weg 1
Sandkauter Weg 2
Figuren
Gail Baltimore
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Über 150 Jahre produzierte die von Philipp Gail in Gießen Tabak und Zigarren und wurde damit zu Beginn des 20. Jahrhunderts der wohlhabendste Bürger der ehemals landwirtschaftlich geprägten Stadt. Er gründete mehrere Unternehmen und finanzierte der Stadt maßgeblich das Stadttheater.

Nachdem der Genuss von Tabakwaren auch für mittlere und untere Bevölkerungsschichten erschwinglich wurde, stieg die Nachfrage nach Pfeifentabak, Schupf- und Kautabak sowie Zigarren ab Mitte des 19. Jahrhunderts rasant. Mittelhessen wurde eines der Zentren der Tabakindustrie mit bis zu 30 Tabakfabriken. Zunächst ohne Konkurrenz wurde die Gail’sche Zigarrenfabrik ein führendes Unternehmen in Deutschland und den USA.

Der Dillenburger Kolonialwarenhändler Georg Philipp Gail verkaufte in seinem Geschäft Tabakwaren und stellte auch selbst Zigarren her. Als Dillenburg nach 1806 in den Rheinischen Bund eingegliedert wurde, erschwerte das französische Tabakmonopol den Tabakverkauf erheblich. Gail zog nach Gießen in das Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Hier gab es kein Tabakmonopol und nur eine geringe Tabaksteuer.

Am Kreuzplatz gründete er 1812 die erste Gießener Rauchtabakfabrik, wo er mit acht Mitarbeitern Pfeifentabak, Schupf- und Kautabak herstellte. 1825 zog die Fabrik auf ein größeres Gelände in der Neustadt.

1840 begann Gail unter der Firma Zigarrenfabrik Georg Philipp Gail mit der Herstellung von Zigarren und wurde bald der führende Hersteller in Deutschland.

1850 gründete Gail in Baltimore USA. die G.W. Gail & Ax’s Tobacco Works. Die Produkte wurden insbesondere unter den deutschen Einwandern sehr beliebt. Von hier aus importierte Gail auch amerikanische Tabaksorten.

Da in Gießen die Arbeitskräfte rar wurden, errichtete Gail in Rodheim 1857 und später in Bieber und Krofdorf am Fuße des Dünsbergs Fabriken. Frauen erwiesen sich bald als die geschickteren Zigarrenmacher, die z.T. in Heimarbeit Zigarren wickelten. Auch die Insassen der Zuchtanstalt Marienschloss (heute JVA Rockenberg bei Butzbach) stellten Tabakwaren und Zigarren für ihn her. Nach seinem Tod leitete sein Sohn Wilhelm ab 1865 die Geschäfte.

Der erste Weltkrieg brachte zunächst eine Umsatzsteigerung, bis es 1916 zu einem Einfuhrverbot für Rohtabake kam. Nach Kriegsende stieg die Produktion so rasant an, dass 1923 am Sandkauter Weg ein großzügiges, sehr ansprechendes Gebäude errichtet wurde. 1925 übernahm Dr. Georg Gail die Leitung des Unternehmens.

Der bereits in den 1930er Jahren Wandelung der Verbrauchergewohnheiten hin zur Zigarette beschleunigte sich bald nach Kriegsende, so dass die Produktion 1963 eingestellt wurde.