Weiss Chemie + Technik GmbH & Co. KG - Haiger

Philipp Carl Weiss
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Wohn-_u._Fabrikgebäude_1890
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Weiss, Chemie Haiger
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Belegschaft 1907
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Rohhäute_zur_Leimherstellung
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Weiss, Haiger 4
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Weiss Logistik
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Als Philipp Carls Weiss 1815 in Haiger eine Leimfabrik errichtete ahnte er noch nicht, dass das Unternehmen 200 Jahre später zu einem international tätigen Industriebetrieb für moderne Klebstoffsysteme und Sandwichelemente werden würde.

Philipp Carl Weiss wurde 1793 als Sohn einer Gerberfamilie in Hilchenbach (nordöstlich von Siegen) geboren und erlernte ebenfalls das Gerberhandwerk. So wusste er auch, dass man aus den in der Gerberei anfallenden Hautabfällen durch einen Siedeprozess Leim herstellen konnte. 1813 siedelte er nach Haiger über und gründete dort eine Leimfabrik. In Haiger gab es eine Anzahl, zum Teil großer Gerbereien, von denen man genug ‚Leimleder‘ bekommen konnte. Diese Häufung von Gerbereien war auf die in der Gegend übliche Haubergwirtschaft zurückzuführen, die den Nachschub frischer Eichenrinde garantierte. Der Aubach lieferte genügend Wasser für den Siedeprozess. Hier konnte er durch glückliche Umstände am 15. April 1815 eine kleine Gerberei nach Genehmigung der Fürstlichen Regierung in Dillenburg kaufen. Er betrieb dieses Gewerbe eine Zeit lang, begann aber, nachdem er 1820 eine benachbarte Erbleihmühle samt Wassergerechtigkeiten erworben hatte, mit den ersten Versuchen der Leimsiederei. 1833 erbaute er neben der Erbleihmühle ein Haus, in dem er eine Walkmühle für die vielen kleinen Gerbereien betrieb und 1843 ein eigenes Siedereigebäude mit einem großen Kessel, da der Waschkessel im eigenen Haus nicht mehr ausreichte. Ein Knecht und eine Magd waren zunächst seine einzigen Angestellten. Da die Gerberei und Leimsiederei die Familie alleine nicht ernährten, betrieb Weiss, wie es seinerzeit üblich war, eine Landwirtschaft als Nebengewerbe.

Sein Sohn, Carl Wilhelm Weiss übernahm 1857 den Betrieb, nachdem er vorher in Köln seine Kenntnisse über die Leimsiederei vervollständigt hatte. Die Immobilien, die er übernahm, wurden einschließlich dem Wasserrecht mit 10 600 fl. bewertet.

In den Jahren von 1868 bis 1892 wurden bereits sieben Angestellte beschäftigt, die im Betrieb und der Landwirtschaft arbeiteten.

 

Nach seinem Tod im Jahre 1913 übernahmen zunächst seine beiden ältesten Söhne Adolf und Wilhelm die Leitung. Sie förderten mit Elan den Ausbau des Betriebes. Die Walkmühle wurde zu einem weiteren Wohnhaus ausgebaut und das alte Haus mit dem neuen durch durchgehendes Dachgeschoss verbunden, das als Trockenboden für den noch gallertartige Leim verwendet wurde. Außerdem entstand dadurch eine breite überdachte Toreinfahrt. Da sich Hitze und Kälte ungünstig auf den Trockenvorgang auswirkten, wurde ab 1889 erwärmte Luft durch Trockenkanäle in den Trockenraum geleitet. Die Gallerttafeln wurden auf Wagen in die Trockenkanäle gefahren. Wärmequelle war ein gebrauchter Dampfkessel, mit dem später auch alle Siedegefäße beheizt wurden.

Später stieg der jüngere Bruder Hermann, der zunächst eine Lehre als Industriekaufmann absolviert hatte, dazu und sehr viel später der noch jüngere Bruder Rudolf.

Die Fabrik war jetzt schon dermaßen mechanisiert, so dass eine Dampfmaschine 1995 das Wasserrad unterstützte. 1997 wurde der erste Vakuumverdampfer aufgestellt und ein Jahr später der Dampfkessel durch einen modernen Zweiflammen-rohrkessel ersetzt. 1898 wurden bereit etwa 100 Tonnen Leim hergestellt. Das Vermögen des Unternehmens betrug ca. 67. 500,00 Mark. Philipp Carl Wilhelm Weiss verpachtete den Betrieb an seine drei ältesten Söhne.

Bis 1905 wurde der Betrieb mit den modernsten Anlagen ausgerüstet, mit elektrischem Strom versorgt und ein Laboratorium eingerichtet.

1905 gründete Philipp Carl Wilhelm Weiss mit den als Pächtern tätigen Söhnen eine GmbH, in denen die Söhne als Geschäfts-führer fungierten. Der Betrieb wurde 1912-14 durch den Zukauf zweier benachbarter Leimsiedereien wesentlich erweitert und zählte zu den größten ihrer Art in Deutschland.

 

Während des ersten Weltkrieges wurde Weiss behördlich angewiesen, aus dem eiweißhaltigem Leimleder Tiernahrung herzustellen und aus den fetthaltigen Rückständen ein organisches Düngermittel zu produzieren, was auch zufriedenstellend gelang.

Wirtschaftlich folgten der Währungsverfall und die Inflation. Da das Vermögen der Firma hauptsächlich aus Anlagevermögen bestand, betrug das Stammkapital am Ende dieser Zeit im Jahre 1923 stolze 333 000 Goldmark.

Die Düngermittelproduktion florierte, so dass für die Lagerung der Düngermittel ein Lagerhaus errichtet wurde. Gleichzeitig erhielt der Betrieb einen Gleisanschluss mit zwei Drehscheiben und einer eigenen Rangierlok.

 

In der vierten Generation leiteten Walther und Paul Weiss, die im In- und Ausland eine gediegene Ausbildung erhalten hatten, die Geschicke des Unternehmens. Zunächst hatte der ältere Carl den Betrieb übernommen. Er fiel aber im Ersten Weltkrieg.

Die technische Entwicklung verlangte statt der Tafelform kleinere Leimeinheiten, so dass Anfang der 20er Jahre der Leim in Flockenform angeboten werden konnte, für deren Herstellung zwei spezielle Trockner aufgestellt wurden. Ende der 30er Jahre übernahm diese Aufgabe eine eigene entwickelte Trommeltrockenmaschine. 1934 wurden mit eletrischen Strom, der u.a. eine Kolbendampfmaschine von 400 PS die Umstellung antrieb, alle anderen Maschinen auf Einzelantrieb umgestellt. Auch die Buchhaltung und das Rechnungswesen wurden den modernen Anforderungen entsprechend mechanisiert.

1937 war das umsatzstärkste Jahr für tierische Leime, technische Gelatine, Fett und Fleischdünger. In diesem Jahr wurde die GmbH in eine KG umgewandelt.

 

Die Kriegsjahre brachten bis 1945 personell und materiell die üblichen Probleme einer Kriegswirtschaft und gegen Kriegsende wurde das Werk bei einem Fliegerangriff fast völlig zerstört.

In den Aufbaujahren nach dem Krieg fehlte vor allem Fett, das man nach bewährten Verfahren aus Schlachtabfällen herstellte und Mitarbeiter bauten in einer nahe gelegenen Grube Braunkohle zur Befeuerung der Kessel ab. Dennoch konnte man ein neues Kesselhaus mit zwei Hochdruckkesseln und automatischer Beschickung.

 

Der sich beschleunigende Wiederaufbau verlangte nach synthetischen Leimen in der Holzverleimung, so dass völlig neue Produktions- und Handelsprogramme erschlossen werden mussten.

1965 wurde das 150-jährige Bestehen der Weiss KG begangen. Eine kleine Festschrift erinnert an die Geschichte. Danach fließen Berichte über die weitere Entwicklung nur noch spärlich. Sicher ist, dass kurze Zeit später keine organischen Düngermittel oder Tiernahrung mehr hergestellt wurden. Dem Labor kam eine immer stärker bedeutende Rolle zu, da Klebstoffe je nach Anwendungsbereich entwickelt werden mussten. Inzwischen stellt Weiss über 400 Klebstoffvarianten her.

Die Entwicklung und Produktion von Sandwichelementen, also verklebte Platten aus unterschiedlichen Materialien, begann 1982/83. Dieser Produktionszweig, zunächst nur für den Fenster- und Türenbau konzipiert, entwickelte sich in der Folgezeit zum zweiten Standbein des Unternehmens.

Das Jahr 1984 war der Beginn der Polyurethanchemie im Klebstoffbereich. Inzwischen war ein neues Produktions- und Lagerhaus im Gewerbegebiet der ehemaliger Haigerer Hütte, verkehrsgünstig zwischen der B277 und der A45, gebaut worden. Hier kam es 1989 zu einem spektakulären Großbrand. Nach dem Wiederaufbau erwarb Weiss das Unternehmen Pudol, das seinen Sitz in Niederdreisbach bei Betzdorf (Siegerland) hat. Pudol stellt insbesondere Reinigungs- und Pflegeprodukten für Industrie, Handwerk und Handel her. Weiss Chemie beschäftigte derzeit bereits etwa 250 Mitarbeiter.
2001 wurde die Firma Mallok aus Herzebrock bei Gütersloh übernommen. Mallok stellt Fassadenelemente her und ist Spezialist im Bereich Folientechnik. 2006 expandierte Weiss und gründete in Monroe, im US-Staat North-Carolina, das Unternehmen Weiss USA.


Eine deutliche Erweiterung erfuhr 2008 der Bürogebäudekomplex, dem 2012 ein Logistikzentrum mit einer Lagerfläche von 3700 qm folgte. Schon ein Jahr später wurde eine neue Lagerhalle für 1 100 Palettenstellplätzen errichtet. Da die Sandwich-elemente boomten, musste in diesem Bereich technisch aufgerüstet werden. 2014 wurde ein neues vollautomatisches Umstapelprogramm für die Sandwichplatten installiert. Im Jahr des 200sten Bestehens der Weiss Chemie +Technik GmbH & Co. KG wurden diverse Produktionsbereiche mit Robotertechnik ausgestattet. Es folgten verschiedene Zertifizierungen und Audits, wie sie in weltweit agierenden Unternehmen heute üblich sind.

Im Jahre 2016 hatte die Weiss Chemie 256 Mitarbeiter in Haiger, zusammen über 300. Der Umsatz betrug ca. 70 Mio. Euro. Das Unternehmen befindet sich seit seiner Gründung in Familienbesitz. In Europa gehört der international tätige Industrie-betrieb zu einem der führenden Hersteller in den Segmenten Klebstoffe und Sandwichelemente. Letztere finden zunehmend Verwendung im Automobilbau.