Wilhelmshütte - Dautphetal

Gebäude1.jpg
press to zoom
Gebäude 2.jpg
press to zoom
Gebäude 1a.jpg
press to zoom
Preisliste.jpg
press to zoom
Messtischblatt 1907.jpg
press to zoom
1/1

Der Biedenkopfer Kaufmann Justus Kilian (1792-1861) erhielt im März 1831 von der Großherzoglich-Hessischen Regierung für die Provinz Oberhessen die Erlaubnis, „an der Lahn bei Dautphe eine Eisenschmelze oder Hochofen, einen Stabhammer mit zwei Feuern und einem Zainhammer mit einem Feuer anzulegen“. Justus Kilian gehörte zu den bedeutendsten Eisenhüttenmännern im Lahn-Dill-Gebiet, der mehrere Hochofenwerke errichtete. Die von ihm zwischen 1832-1834 errichtete Hütte nannte er nach seinem Namen Kilianshütte. Die Hütte produzierte zunächst neben den Hammererzeugnissen wie Radreifen und Hufstäbe hauptsächlich Gusswaren wie Öfen, Röhren-, Poterie- und Sanitätsguss. Die Eisensteine bezog er aus vier eigenen Gruben um Biedenkopf und sechs aus der Gegend um Dillenburg. Die Holzkohle kam aus heimischer Holzkohleproduktion.

   Ab 1837 wurde die Hütte erheblich vergrößert. Ein zweiter Hochofen wurde errichtet, der einen Warmwindapparat hatte, und zusammen mit dem ersten Hochofen von einem ebenfalls neu angelegten doppelten Zylindergebläse angetrieben wurde. Der Bau des zweiten Hochofens wurde nötig, da die ersten offenbar erheblichen Mängel, vor allem bei der Winderhitzung, aufwies. Auch wurde damals schon begonnen, einen Kupolofen aufzustellen und ein neues Gießhaus zu errichten, um die Gussproduktion zu erhöhen.

Um 1840 betrug die Jahresproduktion des großen Hochofens etwa 18.000 Zentner und die des ersten Hochofens etwa 10.000 Ctr. Roheisen. ¼ davon wurde zu Gusswaren verarbeitet, der Rest wurde an Hammer- und Puddelwerke ins „Ausland“ verkauft (Hess. Odenwald, Westfalen, Baden, Bayern, Württemberg). Auch die Gusserzeugnisse gingen zum größten Teil außer Landes.

Die Produktionspalette umfasste fünf Produktgruppen:

1. Roheisen, als Hammergeschirr, Masseln und als Bruch- und Wascheisen.

2. Plattenguss, wie Herdplatten, Ofenplatten, Poterie und gesamte Ofenproduktion.

3. Mittlerer Kastenguss, wie Koch- und Bratgeschirr, Herdplattenringe, Schmiedeformen, Pfannen.

4. Feiner Kastenguss, z.B. Kasserollen, Kessel, Geländer, Rohre.

5. Geschmiedetes Eisen, Legeisen, Tragbleche, Reifen, Hufstäbe, Ringstäbe. 

  Nach 1840 erweiterte Kilian die Produktpalette um Kleineisenteile, Draht, Ketten und Nägel. Dafür wurde ein neues Hammerwerk mit fünf Hämmern gebaut. Einen besonderen Aufschwung in der Eisenproduktion erwartete Kilian durch den Aufbau eines Puddelwerkes. Dieses aus England eingeführte einfache Frischverfahren sollte die Ertragsfähigkeit von Qualitätseisen der Hütte erheblich steigern.

Die Abgeordneten der Landesstände des Großherzogtums Hessen-Darmstadt begrüßten 1851 in einer Debatte die Eisenproduktion und Erzeugung von Eisenprodukten im wirtschaftlich benachteiligten Hinterland zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Sie kritisierten jedoch, dass zu wenig davon im Großherzogtum Hessen, sondern ins Ausland verkauft würde.

   Die dadurch geleisteten hohen Investitionen, zu denen auch noch die von Kilian gegründete und nach seinem Vornamen benannte Justushütte bei Gladenbach zählten, verbunden mit der hereinbrechenden Krise in der deutschen Eisenindustrie, brachte Kilian in finanzielle Schwierigkeiten. So versuchte er 1848 die Justushütte in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und zur Stützung seiner beiden Hütten finanzielle Unterstützung von der Großherzoglich-Hessische Staatsregierung in Darmstadt zu erhalten. Aber beide Vorhaben scheiterten. Auch ein beigefügtes Gutachten von Prof. Klipstein aus Gießen und Ober-hütteninspektor Zintgraff aus Siegen über den Wert der Anlagen (sie schätzten die Kilianshütte auf 431.500 Taler und die Justushütte Ende 1852 auf 92.000 Taler) fanden weder ein Interessenten für die Umwandelung seiner Gruben und Hütten in eine AG als für eine Hilfe der Landstände des Großherzogtums.  

   Nach langem Werben für seine Hütten gelang es ihm im Jahre 1852 endlich, die beiden Hütten zu verkaufen, jedoch weit unter ihrem Wert. Die Kilianshütte ging für 92 000 an Graf Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz, einen außerehelichen Sohn des Hessen-Kasseler Kurfürsten Wilhelm II. Sie wurde nach ihrem neuen Besitzer in Wilhelmshütte umbenannt. Die Justus-hütte erwarb der aus Lünen stammende Johan Franz Schulz.

 

Technische Modernisierung der Wilhelmshütte

 

Graf Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz hatte als Hüttenverwalter den versierten Hüttenfachmann Eduard Schneegans als Direktor eingestellt. Unter seiner Leitung wurde die Hütte beachtlich umgestaltet. Die beiden Hochöfen wurden abgerissen und mit 30.000 Taler ein technisch neuer, größerer Hochofen erstellt und zusätzliche Puddelöfen vorgesehen. Für die weitere Modernisierung wurden 63.000 Taler investiert. Die erste Hüttenreise mit dem neuen Hochofen erfolgte im gemischten Betrieb mit Holzkohle und Koks im Jahre 1854. Anschließend wurde das vorgesehene Puddelwerk in Betrieb genommen.

Als Antriebskraft dienten Wasserräder und Wasserturbinen sowie ein Dampfkessel und als Reserve für das Zylindergebläse des Hochofens eine Dampfmaschine. Der erzeugte Dampf des Hochofens wurde in einen weiteren Dampfkessel geleitet, der im Walzwerk den Dampfhammer und die Puddelpumpen betrieb. Zur Heizung der Puddelöfen wurde bereits Steinkohle verwendet.

In den Jahren 1857/58 bestand die Hütte aus einem Hochofen mit zwei Gebläsen jeweils für Wasserrad- und für Dampfantrieb, aus einem Blechwalzwerk mit zwei Puddelöfen, einem Schweißofen und einem Blechofen. Im Hochofen wurden aus 80 000 Zentner Erzen rund 30 000 Zentner Roheisen erzeugt. Nur 5% der Gesamterzeugung entfielen auf Gusswaren, der weitaus größte Teil auf Masselgut. Unter Reichenbach-Lessonitz entfielen im Gegensatz zu Kilian nur 5% der Produktion auf Gusswaren, meist Masselguss zur Weiterverarbeitung im Hammerbetrieb.

Die Wilhelmshütte beschäftigte um 1858 etwa 50 Arbeiter und Angestellte.

   Die Gusswarenproduktion auf der Wilhelmshütte rückte im Laufe der Zeit mehr und mehr in den Vordergrund. Das Blechwalzwerk wurde in den 70er Jahren aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt, da das aus den eigenen Erzen gewonnene Roheisen, anders als das im nahen Siegerland erzeugte, keine guten Bleche ergab. Der Puddel- und Walzbetrieb blieb dagegen bestehen und wurde in den 80er Jahren unter Verwendung von Kokspuddelroheisen fortgeführt. Mit dem Vordringen des neuen Flussstahlverfahrens musste auch die Puddeleisenerzeugung eingestellt werden. Die Gebäude des Walzwerkes standen von da ab leer, bis sie nach dem Übergang der Wilhelmshütte an den Hessen-Nassauischen Hüttenverein niedergelegt wurden.

  Das Schwergewicht der Erzeugung hatte sich inzwischen völlig auf die Gusswarenherstellung verlagert. Es wurden insbesondere Öfen und Herde hergestellt. Mit dem Bau der Oberen Lahntalbahn von Marburg nach Biedenkopf und aufgrund von Holzmangel wurde 1886 der Hochofenbetrieb aufgegeben und auf die koksbetriebene Kupolofengießerei mit zwei Kupolöfen umgestellt. Zwei Jahre später wurden die meisten Gruben abgestoßen. Die 16 Gruben im Dillgebiet erwarb der Hessen-Nassauische Hüttenverein, dem im Schelderwald bereits viele Gruben gehörten.

 

Übergang auf den Hessen-Nassauischen Hüttenverein

 

Graf Wilhelm von Reichenbach-Lessonitz verstarb 1866. Als Eigentümerinnen der Wilhelmshütte trugen sich die Gräfin Amalie von Reichenbach-Lessonitz und die Prinzessin Pauline von Löwenstein-Wertheim-Freudenberg mit der Absicht, die Hütte zu verkaufen. Gustav Jung, Bevollmächtigter des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins, gelang es 1898 nach langen und erfolgreichen Verhandlungen, die Hütte für den Hessen-Nassauischen Hüttenverein zu erwerben. Der Kaufpreis von 265 000 Mark bezog sich auf das Werk mit Gebäuden und Liegenschaften sowie Maschinen und Werkseinrichtungen. Nicht inbegriffen waren die Rohstoffe, Halb- und Fertigerzeugnisse, die besonders vergütet werden mussten. Mit dem Erwerb der Wilhelmshütte beabsichtigte Jung, das Eindringen von Wettbewerbern in das Gebiet des Hessischen Hüttenvereins.  

   Jung änderte gleich das Produktionsprogramm. 1902 begann man auf der Wilhelmshütte mit dem Guss von Radiatoren, während die Ofen- und Herdproduktion zunehmend auf die Neuhütte verlegt wurde. Damit stand man im Wettbewerb zum Buderus-Werk in Lollar. Da in den Gebäuden zunehmend Zentralheizungen eingesetzt wurden, gab der neue Besitzer damit einen neuen Schub für die in den vorausgegangenen Jahrzehnten stagnierende Hütte, denn die Wilhelmshütte hatte es verabsäumt, den Modellbestand an Öfen und Herden zu modernisieren. Die Gussproduktion um die Jahrhundertwende zeigt die folgende Tabelle:

 

​Strukturwandel gegen Ende des 19. Jahrhunderts

 

Gegend Endes des 19. Jahrhunderts änderten sich die Produktionsverhältnisse im Lahn-Dill-Gebiet grundlegend. Das Eisenerz dieser Region ergab zwar ein hervorragendes Gusseisen, das Roheisen war aber wegen seiner chemischen Zusammensetzung nicht für die Großverarbeitung mit den neuen Verfahren der Stahlindustrie brauchbar. Hinzu kam, dass sich die Roheisenerzeugung zu den Steinkohlezechen hin in das Ruhrgebiet verlagerte, die in ihren Stahlwerken per See- und Binnenschiffstransport bezogene, hochwertigere und billigere Erze aus Spanien, Schweden und anderen Ländern verarbeiteten. Damit war die Roheisenproduktion im Lahn-Dill Gebiet mit Erzen aus eigenen Gruben nicht mehr wirtschaftlich.

Die Erze waren jedoch nicht ganz nutzlos geworden. Sie wurden als Zuschlagerze verwendet und ab 1905 im Hochofenwerk des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins in Oberscheld verarbeitet.

Die Wilhelmshütte blies 1883 ihre Hochöfen aus und konzentrierte alle Investitionen auf die Gießerei.

Die Wilhelmshütte war die bedeutendste des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins der Familie Jung. Mit der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke von Marburg nach Laasphe begann ein langes anhaltendes Kooperationsverhältnis des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins mit ihren fünf Gießereibetrieben mit den Burger Eisenwerken, das erst durch den Bahnanschluss wirtschaftlich sinnvoll wurde. Die Wilhelmshütte spielte als Gießereibetrieb in der Abstimmung der Produktionspalette hierbei eine entscheidende Rolle. Die Tabelle 1 spiegelt diese Tatsache wider.

 

Kriegswirtschaft und Nachkriegszeit

 

  Mit dem Kriegsbeginn 1914 wurde die Hütte auf Kriegsproduktion umgestellt. Die zum Kriegsdienst eingezogenen Arbeiter und Angestellte wurden behelfsmäßig durch Frauen und Kriegsgefangene ersetzt. Zur Einsparung von Arbeitskräften errichtete man Seilbahnen, die eine preisgünstige Transportmöglichkeit von den Gruben zu den Hütten oder Verladestation boten. Die Nachkriegszeit war von stark schwankender Nachfrage nach Gussprodukten geprägt. Eine spürbare Veränderung setzte in den 30er Jahren ein, als infolge der Autarkiebestrebungen der Bergbau und das Hüttenwesen staatlich gefördert wurden. Die Wilhelmshütte lebte spürbar auf und wurde zu einem der wirtschaftlich bedeutendsten Eisengießereien an der oberen Lahn. Folgendes Bild zeigt die Hütte in den 30er Jahren.

 

1935 wurden die Hütten und Bergwerke des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins von den Buderus’schen Eisenwerken übernommen.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die zur Eisengießerei umgebaute Hütte bis zu ihrer Stilllegung 1974 unter dem Dach der Firma Buderus fort. Seit 1996 werden auf einem Teilgelände der früheren Wilhelmshütte von der Firma Elkamet Nylonbehälter hergestellt. Das restliche Areal wird von unterschiedlichen Handwerksbetrieben genutzt. 

 

Heutiger Bestand

Auf dem umfangreichen Areal an der Dill im Ortsteil Wolfgruben finden sich nur wenige Baubestände aus dem 19. Jahrhundert und dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Aufgrund oftmaliger Besitzwechsel, Umbauten und Modernisierungen wurden die meisten älteren Gebäude abgetragen. Nur vereinzelt finden sich Eingangstore und Schuppen aus früherer Zeit. Auffälligstes Gebäude ist ein dreistöckiger Industriebau der Firma Elkamet, das im typischen Bauhausstil mit langen Fensterbänden, Flachdach und mit rotbrauner Fassade ausgeführt wurde. Das Unternehmen fertigt Kunststoffteile, u.a. für die Automobilindustrie, ab 1998 auch Nylonbehälter. Beschäftigt werden ca. 1000 Mitarbeiter. Auf dem restlichen Areal befinden sich Handwerks- und kleine Industriebetriebe.