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Das Bergbaurevier an Lahn und Dill war in Bergreviere gegliedert. Viele hatten erkannt, dass nur in einer speziellen Bergschule als eine Art Berufs- und Meisterschule modernes Fachwissen vermittelt werden konnte und künftige Führungskräfte zum Steiger oder andere Berufe ausgebildet werden konnten. In Dillenburg, einem äußerst wichtigen Standort der Berg- und Hüttenindustrie, wurde eine Bergschule gegründet, die im Laufe ihrer Existenz eine Reihe von unerwarteten Besondderheiten aufwies, die ihre Geschichte äußerst spannend macht.

​​Die Gründung der Bergschule

Die Errichtung einer Bergschule zur theoretischen Unterweisung künftiger Steiger und anderer Grubenbediensteter in Dillenburg (Herzogtum Oranien-Nassau) geht bis in das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zurück, war doch Dillenburg schon seit langem ein Zentrum der Gruben- und Hüttenindustrie. Es entstanden in Dillenburg jedoch zunächst verschiedene andere Schulen, 1774 das „Akademische Pädagogikum“ und eine gewerbliche Fortbildungsschule. Die Errichtung einer „Real-, Forst- und Bergschule“ wurde 1845 bei der Landesregierung in Wiesbaden beantragt, die Genehmigung blieb jedoch zunächst aus.

Erst als der Weilburger Berggeschworene M.C. Grandjean 1849 nach Dillenburg versetzt wurde, erwirkte er die Gründung einer Gewerbeschule und verfolgte weiter das Ziel zur Errichtung einer Bergschule, indem er bedeutende Schriften zur Errichtung einer Bergschule zu Dillenburg verfasste.

1858 erklärten sich die Bergwerks- und Hüttenbesitzer des Herzogtums bereit, sich an den Unterhaltskosten zu beteiligen, so dass die Landesregierung von Nassau in Wiesbaden die Errichtung der Schule in Auftrag gab. Bereits am 4. November desselben Jahres begann der Unterricht mit 24 jungen Bergleuten, die Bergmeister Vietor nach einer Aufnahmeprüfung aufgenommen hatte. Der Unterricht fand zunächst in Räumen des Pädagogikums statt.

 

Die Ausbildung dauerte zwei Jahre, wovon die ersten acht Monate rein schulisch unterrichtet wurde. Danach war an zwei Tagen pro Woche betriebliche Ausbildung in einer Grube oder Hütte. Unterrichtszeiten: Montag bis Donnerstag 7-11 Uhr und 14-17 Uhr im Sommer, 8 – 12 Uhr und 14 – 17 Uhr im Winter. Der Abschluss der ersten Klasse war für unteren, der der zweiten Klasse für den höheren Dienst ausgerichtet.

 

Unterrichtet wurden die Fächer:

 

1. Schön- und Rechtschreiben nebst Stilübungen,

2. Arithmetik und Grubenrechnungswesen,

3. Geometrie und Trigonometrie,

4. praktische Geometrie und die Anfangsgründe des Feldmessens und Markscheidens,

5. Zeichnen, besonders Maschinenzeichnen nach der Natur und nach Modellen,

6. Gebirgslehre, Mineralogie und Geognosie in dem für das Bedürfnis bedingten Umfange,

7. Physik und Chemie in gemeinverständlicher, der Bildungsstufe der Schüler entsprechenden Weise,

8. Bergbaukunde mit besonderer Berücksichtigung des Bergwerksbetriebes im Herzogtum Nassau

    sowie Maschinenkunde in einem dem Bedürfnis entsprechenden Umfang,

9. Hüttenkunde und Probierkunst mit Ausflügen, nicht bindend für Bergleute und Markscheider

 

Aufnahmebedingungen waren: Mindestalter 18 Jahre, ein sittlicher Lebenswandel, eine mindestens zweijährige Grubenarbeit, von der ein Jahr in Hauerstellung unter Tage zu verbringen war, das Bestehen einer Prüfung in den Fächern der Volksschule.

Schulgeld musste nicht bezahlt werden. Bedürftige, würdige Schüler erhielten eine Unterstützung von monatlich 12 Gulden.

Die Schule konnte durch den Haushalt des Landes bald eine eigene Bücherei und Sammlungen, vor allem zur Mineralienkunde, erwerben.  Der Leiter des Pädagogikums war als Rektor Vorsitzender der Lehrerschaft, ein Bergmeister sein Stellvertreter. Es mussten vierteljährlich Zeugnisse ausgehändigt werden und der Landesregierung war ständig Bericht zu erstatten. Ein Kuratorium aus Mitgliedern der Schule, der Stadt, der Landesregierung und besonders der Bergwerks- und Hüttenbesitzer entschied über die Regularien der Schule, Aufnahme von Schülern, Prüfungen usw.

Die Gehälter der Lehrer, die oft noch im Pädagogikum unterrichten mussten, waren knapp bemessen und betrugen zwischen 200 und 500 Gulden. Trotz vielfacher Not verließ der Lehrer Peter Presber erst nach 41jähriger Lehrtätigkeit im Alter von 76 Jahren die Schule!

 

Die Bergschule nach dem Übergang auf Preußen

Nach dem deutsch-österreichischen Krieg wurde das Herzogtum Nassau ab 1866 eine preußische Provinz und die Bergschule in Dillenburg unterstand der preußischen Regierung. Die Oberaufsicht über die Leitung der Schule unterstand nun dem Oberbergamt in Bonn.  Dieses reduzierte den Unterricht beider Klassen auf je sechs Monate. Die praktische Grubenarbeit wurde abgeschafft. Dafür wurde ihnen in der unterrichtsfreien Zeit (genannt: Wanderhalbjahr) die Arbeit in einer Grube zugeteilt, über die sie eine schriftliche Ausarbeitung abzuliefern hatten.

Lange Zeit wurde gestritten, ob die Bergschule in Dillenburg, deren Schülerzahl stark schwankte, bestehen bleiben kann oder mit der Bergschule in Siegen zusammengelegt werden sollte. Schließlich gelang es dem Handelskammerpräsidenten und Bergwerksbesitzer J.C. Grün den Landtag zu bewegen, die Bergschule in Dillenburg zu erhalten. 1873 erhielt die Bergschule eine eigenständische Satzung und ab 1876 konnten die Schüler über eine eigene Bergmannstracht entscheiden, eine scheinbare Äußerlichkeit, die damals in Preußen aber ein wichtiges Standessymbol darstellte. Der gute Ruf der Schule sprach sich schnell herum, so dass bald mehr Schüler aus Dortmund in die Schule kamen als nassauer Schüler, so dass die Zahl westfälischer Bergleute begrenzt werden musste. Selbst aus Hessen (Darmstadt), Bayern und anderen Bundesstaaten baten Schüler um Aufnahme in die Dillenburger Schule. Die Schulabgänger erhielten oft Anstellungen in den Betrieben in Lothringen und Luxemburg.

Im Kuratorium der Schule waren die namhaftesten Vertreter des Berg- und Hüttenwesens, wie Carl Grün, Gustav Jung und Rudolf Haas vertreten. 1921 bestimmte die Regierung die Bergschule in Dillenburg als zuständige Lehranstalt für alle rechtsrheinische Erz-, Braunkohle- und Dachschiefergruben als Ausbildungsstätte des Oberbergamtes Bonn. Dieses betraf die Ausbildung zum Betriebsführer, Oberbergsteiger sowie Gruben- und Tagesteiger.

 

1897 fiel endlich die Entscheidung zum Bau eines eigenen Gebäudes für die Bergschule. Bergwerks- und Hüttenbesitzer Haas bot dafür das Haus seiner kürzlich verstorbenen Mutter in der Wilhelmstraße 22 an, dass sich jedoch als zu klein erwies, da die Schule auch noch eine Wohnung für den Bergamtsleiter als Direktor der Bergschule sowie Diensträume für das Bergamt enthalten sollte. Die Stadt Dillenburg stellte ein gegenüberliegendes Grundstück, Wilhelmstraße 3, zur Verfügung. Der Bau war bereits ein Jahr später bezugsbereit fertiggestellt.

War der Unterricht bisher zweizügig, so fügte man nach anderen Vorbildern 1903 ein Bergvorschule sein. Sie sollte den in der Volksschule erlernten Stoff vertiefen, Grundbegriffe für den bergmännischen Beruf und vor allem Zeichnen vermittelt. Die Schüler kamen hauptsächlich aus Gruben im Umland. Diese Bergvorschule hat sich so sehr bewährt, dass sie fortan bestehen blieb. In den Aufbauarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ab 1958 wegen der hohen Nachfrage zwei Bergvorschulklassen eingerichtet. Damit ein besserer Anschluss an die eigentlichen Fachklassen erfolgen konnte, wurden die Vorschüler in den Ferien zur Arbeit auf ihnen fremde Gruben versetzt.

 

1908 feierte die Bergschule drei Tage lang ihr 50jähriges Bestehen, was zu einer Hauptattraktion der Stadt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich der Grubenbetrieb dramatisch. Viele Gruben schlossen und Grubenbesitzer verzichteten auf Fachpersonal. Außerdem änderten das Gesetz über die Bergschulvereine als Schulträger und andere Vorschriften die Zuständigkeiten, so dass wieder die Zusammenlegung mit der Bergschule Siegen ins Gespräch kam. Diese kam aber wegen der sehr unterschiedlichen Mineralien und anderer wichtiger Gründe nicht zustande.

Die Bergschule nach dem Ersten Weltkrieg

Der 1. Weltkrieg brachte den Schulbetrieb naturgemäß ins Stocken. 1921 sah sich sie preußische Staatsregierung nach heftigen Diskussionen verschiedener Parteien ein Gesetz über die Bergschulvereine, die offizielle Träger der Bergschulen waren, zu erlassen. Dieses regelte viele organisatorische Fragen und Zuständigkeiten. Ab 1920 hatte die Bergschule noch den Fach- und Schülerbedarf der aufgelösten Steigerschule in Wetzlar zu übernehmen.

Die wirtschaftliche Situation änderte sich nach Hitlers Machtergreifung, da nun durch den Aufschwung wieder mehr Fachpersonal benötigt wurde. Auch der Wunsch nach mehr Unterrichtsräume führte zum Erwerb des gegenüberliegenden Gebäudes Wilhelmstraße 22, das nach Umbau für die Schule genutzt werden konnte.

1933 wollte man die 75-Jahresfeier begehen, aber auf Grund der politischen Umstände entschloss man sich, das 80-jährige Jubiläum zum Anlass für die Feier zu nehmen. Es traten Verzögerungen auf, so dass die Feier erst im Mai 1939 in glanzvoller Weise begangen wurde.

Die Bergschule nach 1945

Mit dem Zusammenbruch Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg gab es das Land Preußen nicht mehr und das preußische ‚Gesetz über die Bergschulvereine‘ von 1921, galt nur für die preußischen Teile des Regierungsbezirkes Kassel und Darmstadt. Die Bergwerksbetriebe des Regierungsbezirkes Kassel gehörten aber dem Bergschulverein Clausthal an. Clausthal-Zellerfeld gehörte aber nach 1945 zum Bundesland Niedersachsen, so dass man sich 1950 entschloss, alle Mineralgewinnungsbetriebe des neuen Bundeslandes Hessen dem Bergschulverein Dillenburg zuzuordnen. Dazu gehörten also auch die Kali- und Braunkohlenwerke des Kasseler Raumes und an der Werra. Auch für die zum ehemaligen Herzogtum Hessen, für die das preußische Gesetz auch nicht galt (meist Natursteinbetriebe), musste eine Lösung gefunden werden. Mit dem „Gesetz über das Bergrecht im Land Hessen“ von 1952 wurde das alte preußische Gesetz auf ganz Hessen ausgeweitet. Auch die im Westerwald liegenden Gruben, die jetzt zum Bundesland Rheinland-Pfalz gehörten (das keine eigene Bergschule besaß), wurden, soweit sie im Regierungsbezirk Montabauer lagen, der Bergschule Dillenburg zugeordnet. Das alles hatte gravierende Folgen für die Dillenburger Bergschule. Die Anzahl der Mitglieder im Bergschulverein wurde erhöht und es mussten neue Lehrer für den Kalibergbau und andere Spezialgebiete eingestellt werden. Der Lehrplan wurde neugestaltet und die Beiträge der Betriebe zum Unterhalt der Schule angepasst. Neue Berufszweige, z.B. Maschinensteiger, für die stark elektrifizierten und mechanisierten Kaligruben entstanden.

Ausgelöst durch einen Rechtsstreit in NRW wurde geklärt, dass alle Bergschulen Privatschulen (Ersatzschulen) sind und der jeweilige Bergschulverein Schulträger bleibt, da es für den Bergbau keine geeigneten Ingenieursschulen gab.

Der Lehrplan wurde neugestaltet und die Beiträge der Betriebe zum Unterhalt der Schule angepasst. Neue Berufszweige, z.B. Maschinensteiger, für die stark elektrifizierten und mechanisierten Kaligruben, Tagebaukunde uam. entstanden.

Ausgelöst durch einen Rechtsstreit in NRW wurde geklärt, dass alle Bergschulen Privatschulen (Ersatzschulen) sind und der jeweilige Bergschulverein Schulträger bleibt, da es für den Bergbau keine geeigneten staatlichen Ingenieursschulen gab. Dennoch wurden die Gehälter der Lehrer den hauptamtlichen hessischen Lehrkräften gleichgestellt.

Da die Schülerzahl sehr stark angestiegen war, vereinbarte man 1953 mit der Bergschule in Siegen, dass bestimmte Ausbildungen nur in Siegen, andere nur in Dillenburg stattfinden sollten. Außerdem war ein Anbau an die Schule für Dienstzimmer, Sekretariat, Bücherei und anderen Raumbedarf unausweichlich geworden, der 1954 eingeweiht wurde.

Den westdeutschen Bergschulen gelang es, als „Höhere Fachschule“ anerkannt zu werden. Bei besonders guten Noten erhielten sie die Hochschulzulassung und konnten z.B. an der Bergakademie in Clausthal-Zellerfeld studieren.

Seit Jahrzehnten gab es immer wieder Konflikte mit den Steinbruchbetrieben, die zur Beitragszahlung an den Bergschulverein verpflichtet waren, aber keine Schüler entsendeten. Erst im Wintersemester 1957/58 wurde nach langen Verhandlungen mit der Steinbruchberufsgenossenschaft und Unterstützung durch den „Bundesverband Naturstein-Industrie e.V.“ ein Lehrgang für Steinbruchmeister eingeführt.

Mit den strukturellen Umwälzungen des Bergbaus im Lahn-Dill Gebiet, die zur Aufgabe aller Gruben und Hütten führten, wurde die Bergschule 1966 geschlossen.