Carlshütte bei Buchenau

Die Carlshütte wurde im Jahre 1844 von dem Groß­herzoglich Hessischen Hütteninspektor Friedrich Carl Klein nahe Buchenau errichtet. Klein war zuvor Hütteninspektor für den Großherzoglichen Fiskus auf der Ludwigshütte bei Biedenkopf. Nach Verkauf der Ludwigs­hütte erhielt Klein eine Wohnung auf dem Landgut seines ehemaligen Arbeitgebers, dem Geheimrat Freiherr von und zu Breidenstein. Klein entdeckte in der Umgebung seiner Wohnung mehrere Grubenfelder, deren Erze aber von den umliegenden Hütten nicht abge­nommen wurden. So entschloss er sich, eine eigene Schmelze zu errichten, nachdem der Freiherr sich anbot, ihm die finanziellen Mittel zum Bau des Werkes zu vermitteln.

   Nach langwierigen Bemühungen um eine Konzession zur Errichtung der Eisenhütte erhielt er endlich die Genehmigung zum Auf­bau des Werkes unter der Bedingung, dass er kein Holz und keine Holzkohle aus dem Inland zum Betrieb des Hüttenwerkes verbrauchen dürfe. Als mit dem Bau begonnen werden sollte, verweigerten die Grundstückseigen­tümer, durch Intervention der umliegenden Hüttenbesitzer, den Verkauf ihrer Grundstücke, so dass die Zustim­mung erst an Hand eines Gesetzes auf dem Rechtsweg erlangt werden konnte.

   Die Carlshütte war zunächst eine reine Eisen­schmelze, in der die Erze aus eigenen Gruben verwertet wurden. Es bestand aus einem hohen Hochofen für Holzkohlebetrieb, dessen Wind zunächst mit Blasebälgen, später mit Hilfe eines von der Ludwigshütte erworbe­nen Zylinder­gebläses erzeugt wurde. Dreimal täglich wurde die Luppe abgestochen, die in das Masselbett floss. Die Masseln zu je 50 – 70 kg transpor­tierten Buchenauer Bauern mit Fuhrwerken in die umliegenden Hütten, wo dann der Guss in zweiter Schmelze erfolgte.  Erst die Fertigstellung der Straße von Marburg nach Biedenkopf erleichterte und verbilligte die Transportkosten.

   Auf der Carlshütte waren ständig 18 bis 20, in Spitzenzeiten bis zu 30 Personen beschäftigt. Aus dem Jahr 1856 ist eine Produktion von 33 180 Zentnern Roheisen überliefert. Für die folgenden Jahre ergeben sich die Produktionszahlen:

​In den darauffolgenden Jahren lassen die Produktionszahlen schon die wirtschaftliche Entwicklung der Zeit erahnen: 1872: 309 t, 1873: 618 t, 1874: 826 t, 1876: 1126 t.

   In den 1870er Jahren setzte eine allgemeine Wirtschaftskrise ein, die besonders die Roh­eisenbranche betraf. Der Holzkohleofen war bereits technisch überholt und die Produktion auf Grund der hohen Holzkohlepreise unwirt­schaftlich und nicht mehr konkurrenzfähig. Die Roheisenpreise sanken von 133,40 Mark/t im Jahre 1860 auf 76 Mark/t in Jahre 1879. Auf vielen Hütten wurde Roheisen viel preiswerter mit Koks hergestellt, aber diese aus England stammende Technik beherrschte nicht jede Hütte. Außerdem gab es oft keine Trans­port­möglichkeiten für den Koks, so dass die Hütten an den Eisenbahnstrecken zum Ruhr­gebiet bevorzugt waren.

   Carl Klein beschloss daher 1857 eine Umorientierung der Produktion. Er plante die Verarbeitung von Roheisen zu Öfen, Fenstern, Töpfen und sonstigen Gütern für Haus und Hof. Dazu war die Anschaffung eines Kupolofens erforderlich. Hierzu wurde zunächst 1874 ein zweiter Hochofen errichtet, der direkt an die Kupol­ofengießerei angrenzte.  Die schlechte Konjunktur zwang ihn schließlich zur Ein­stellung der Roheisenproduktion in den Jahren 1875 und 1878-1880. Ab 1880 stieg die Nachfrage wieder, so dass der Hochofen erneut im Betrieb genommen und im Jahre 1880/81 1680 t Roheisen produziert wurde. Bis 1883 arbeiteten beide Hochöfen. Der Kupolofenbetrieb wurde jedoch zunehmend zum Hauptbetriebszweig, da durch die Eröffnung der Eisen­bahnstrecke von Cölbe nach Biedenkopf Koks und Roheisen zu günstigen Frachtkosten beschafft werden konnte, zumal seit 1886 der preußische Staat auch noch Vorzugstarife für die Montanprodukte gewähr­te. Bereits kurz nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie erhielt die Carlshütte einen Gleisanschluss, so dass die Hütte außerordentlich modern ausgestattet und organisiert war. Fuhrleute jedoch, die das Erz und die Holzkohle bisher transportiert hatten, verloren ihre Arbeitsgrundlage.

   1886 wurden in 30 Tagen 54 287 t Gusswaren hergestellt werden, wobei sich die reinen Materialkosten auf 4,08 Mark/100 Pfund (8,16 Mark/100 kg) beliefen. In Musterbüchern, die an Eisenwarengeschäfte verschickt wurden, waren alle Produkte mit Zeichnungen und den wichtigsten technischen Angaben abgebildet. Sie zeigten die ungewöhnlich großen und vielfältigen Arten und Formen der Öfen auf. Die Ofenplatten waren mit vielen Verzierungen versehen später auch emailliert, und dem Geschmack aller Stilepochen angepasst. Über 40 Ofenmodelle, Gartenbankgestelle, Gussfen­ster, Geländerstäbe, Bügeleisen, Kochgeschirre, Spucknäpfe, Fußabtreter und Wasserleitungs­rohre gehörten zum Angebot.

      Die Carlshütte lag an einem von der Lahn abgezweigten Hüttengraben, der direkt unter den Gebäuden verlief. Ursprünglich diente er zum Antrieb der Blasebälge und zum Abschrecken von Eisen und Schlacke. Später wurden zwei Wasserkraftturbinen eingebaut. Diese wurden technisch mehrfach erneuert und produzieren bis heute Strom.

    Das Emaillierwerk wurde 1908 als Multi­funktionsbauwerk geplant und 1910 in Betrieb genommen. Schlosserei, Schleiferei, Putzerei und Sozialräume für das Personal waren integriert. Technisch wurden zwei Tiegelschmelzöfen, zwei Brennöfen, zwei Mühlen und ein Spritzraum für den Emailliervorgang installiert. Als Abzug für die Öfen diente ein 20 m hoher Schornstein, der heute noch erhalten ist.  Emaillieren hatte zwei Ziele: einmal galten emaillierte Behälter und Gefäße als hygienisch, da sie sehr leicht zu reinigen waren. Das traf z.B. für Viehfutter- und Metzgereikessel, aber auch für Kochgeschirr und Badewannen zu. Als zweites konnte man mit farbig emaillierten Ofenplatten den vielfältigen Geschmack der Kundschaft befriedigen. Kurze Zeit nach der Inbetriebnahme des Emaillierwerkes wurde eine Vernickelungsanlage mit einem elektrogalvanischen Säurebad errichtet. Vernickeln diente der Oberflächenveredelung von Metallen. Der leicht gelbliche Ton der Nickelschicht erinnerte an Silber, was zusätzlich zu einem Korrosionsschutz aus ästhetischen Gründen vorgenommen wurde.

   Die sozialen Leistungen des Betriebes bestanden in der Zeit in einer eigenen Betriebskrankenkasse, die bereits 1884 gegründet wurde.  Die Leistungen waren zunächst bescheiden, was aber dem Stand der Zeit entsprach.  1885 wurden Einnahmen in Höhe von 1526,53 Mark und Ausgaben von 1503,12 Mark verbucht. Erst 1960 ging die Betriebskrankenkasse der Carlshütte in die AOK- Biedenkopf über.

   Im Jahre 1912 wurde eine Elektrozentrale aufgebaut, die den Betrieb von Elektromotoren und anderen neuen elektrischen Geräten ermöglichte. Den Strom hierfür lieferten zwei Dampfmaschinen. Für den Transport von Rohstoffen, halbfertigen und Fertigwaren wurde ein umfangreiches Schienensystem zwischen den einzelnen Abteilungen mit Lorenbeförderung errichtet.

  1910 ließ Klein für alle Produkte der Carlshütte den Markennamen „Zeus“ als Warenzeichen in die Zeichenrolle beim Patentamt eintragen. Im selben Jahr wurde unter Direktor Fritz Brauer das „Eisenhüttenwerk Carlshütte, F.C. Klein GmbH“ gegründet. Direktor Fritz Brauer ließ weitere umfangreiche Modernisierungen vornehmen, denn der Konkurrenzdruck durch benachbarte Hütten mit ähnlichem Produktionsprogramm war groß. Zu den Neuinvestitionen gehörten die 1921 errichteten zwei Wasserkraftturbinen mit je 35 kW, die Modernisierung der Kupolöfen, der Bau einer neuen Fabrikhalle und die Anschaffung von 20 neue Formmaschinen, darunter große kastenlose Formmaschinen vom Typ „Barbarossa“.

   Der Vertrieb erfolgte über den Verkauf in Eisenwarengeschäften und über hand­werk­liche Zwischenhändler. Reisende zogen mit den Musterbüchern in die Dörfer und Städte, meist zu Schmieden, die die Artikel verkauften und auch den Kundendienst über­nahmen. Über Jahrzehnte galt die Carlshütte als eines der führenden Unternehmen von Gussöfen. 1929 beschäftigte die Hütte 440 Mitarbeiter. Täglich wurden bis zu 200 Öfen produziert.    

   Die anschließende Wirtschaftskrise wirkte sich wegen gravierender Fehleinschätzungen der Betriebsleitung verheerend auf die Carlshütte aus. Die 1910 gegründete GmbH ging in Konkurs und die Mitarbeiterzahl sank bereits 1930 auf 200. Dennoch konnte sich das Unternehmen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einigermaßen über Wasser halten. Familiäre Gründe und Kapitalknappheit verhinderten einen zukunftssicheren Ausbau der Hütte.

 

Die Carlshütte nach 1945

 

Nach dem Krieg wurden mit Ölöfen wieder kräftige Umsätze erzielt. Mit bis zu 200 Mitarbeitern wurden täglich wieder 200 Ölöfen produziert. Aber es fehlte dem Unternehmen die Weitsicht, Kapital und das technische Know-how für neue Produktlinien. Unternehmerische Unzulänglichkeiten, Selbstüberschätzungen und großzügige Lebensweise der Geschäftsführer ließen das Unternehmen wirtschaftlich abgleiten. Die Nachfrage fiel zunehmend stärker ab. In Zeiten des Baus von Eigenheimen waren Zentralheizungen stärker gefragt als Öfen. 1975 waren nur noch 75 Mitarbeiter auf der Carlshütte, die dann endgültig in Konkurs ging.

   Im Jahr 1975/76 erwarb die Metallbaufirma Harry Ullrich aus Buchenau die Carlshütte. Die Firma stellte zunächst mit nur vier Mitarbeitern Türen und Fenster aus Metall her. Während des Baubooms in den 1960er Jahren florierte das Unternehmen derart, dass ein größeres Betriebsgelände benötigt wurde. Zu dieser Zeit stand die Carlshütte zum Verkauf. Die Firma Ullrich übernahm das Areal und fertigte dort mit bis zu 80 Mitarbeitern Anfang der 1970er Jahre Stahl- und Leichtmetallprodukte für den Hausbau.  Teilweise wurden auch Produkte aus der Vorzeit der Hütte übernommen. In der Zwischenzeit siedelten sich weitere Unternehmen auf dem Gelände an. Die Familie Ullrich versuchte den Gebäudebestand, insbesondere das große Fachwerkmagazin, zu erhalten. Letztlich reichten aber ihre privaten Mittel nicht, um die Hütte dauerhaft zu sanieren oder den Gebäuden einen neuen Verwendungszweck zuzuführen. Auch die Gemeinde Buchenau und der Landkreis Marburg-Biedenkopf fanden dafür bisher keine Lösung.

Im Jahre 2018 zeichnete sich eine Lösung an. Durch Bemühungen des Landkreises, der eine eigene „Route der Arbeits- und Industriekultur“ Marburg-Biedenkopf einichtet. Hier wurde die Carlshütte als ein „Ankerpunkt“ ausgewählt. Das Magazin soll zu einen „Energetikum“ ausgebaut werden, in dem vor allem alternative Energieformen an Modellen zum Anfassen und Experimentieren einladen sollen. Verbunden mit einer gewissen Infrastruktur hofft man auf unterschiedliche Gästestrukturen.