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 Mettler- Toledo - Staudinger - Spoerhase 

Der Bau von Präzisionswaagen geht in Gießen auf Professor Georg Gottlieb Schmidt (1768-1837) zurück. Er hatte ein „physikalisches Kabinett“ aufgebaut und für spätere Versuche von seinen Landsmann Hauff aus Darmstadt eine hochem-pfindliche Waage bauen lassen. Hauff war Mechanikus am Fürstlichen Hof und setzte sich für die Entwicklung von Präzisions-mechanik mit Hilfe staatlicher Unterstützung ein, die den Instrumenten des hochberühmten Jesse RAMSDEN (1735-1800) aus London um nichts nachstehen sollten.

Erst als Liebig nach Gießen berufen wurde und Heinrich Buss (1805-1878) die Experimentalphysik begründet hatten, wurde in Gießen der Bau von Präzisionsmesswaagen und anderen naturwissenschaftlichen Instrumenten regelrecht beflügelt. Im Zuge von Liebigs Wirken und dem seiner Nachfolger entwickelte sich Gießen zu einem Zentrum der Feinmechanik und Messtechnik in Deutschland und darüber hinaus.

Die „Gründungsväter“ dieser neuen Entwicklung waren die Mechaniker Carl Staudiger (1814-1875), Christian Jung (1824-1884) und Christian Liebrich (1819-1885), die feinmechanische Werkstätten gründeten oder bestehende übernahmen und ausbauten.

 

Hierbei spielte Carls Staudinger (geb. in Gladenbach) eine besondere Rolle, denn seine Werkstatt ist zur Keimzelle der Gießener Feinwaagenindustrie geworden. (Aus seiner Familie stammt der Nobelpreisträger Hermann Staudingen (1881-1965). Seine Waagen ermöglichten den Chemikern Gewichte bis zu 0,01 Milligramm zu bestimmen, was für die Chemiker bei deren Analysen besonders hilfreich war und viele Analysen überhaupt erst möglich machte. Eine andere, viel beachtete feinme-chanische Werkstatt, wurde von Christian Jung betrieben. Die Ähnlichkeiten vieler Produkte zeigen, dass zwischen beiden Werkstätten ein reger Austausch stattgefunden haben muss.

 

Carl Staudinger nahm seinen Neffen Franz von Gehren (1835 ebenfalls in Gladenbach geboren) in sein Geschäft auf und sie firmierten in dem 1842 gegründeten Unternehmen am Seltersweg unter „Staudinger & Co.“ Schon nach kurzer Zeit war seine Werkstatt so erfolgreich, dass Staudinger bereits zu den Honoratioren der Stadt gehörte. Schon bald wurden Staudingers Waagen und Instrumente in alle Welt exportiert.

Am 30. Juli 1842 gibt Staudinger im Anzeigeblatt bekannt, dass er sich als Mechanicus in Gießen am Seltersweg 25 nieder-gelassen hat. Er werde vorzugsweise mathematische, physikalische und ähnliche Gegenstände verfertigen. Dieser Zeitpunkt gilt als Gründungsjahr des Unternehmens.

Besonders kleine Massen ließen sich mit einer Langwaage wiegen, deren Balken oft 40 cm und mehr betrug. Der Jahresbericht von 1863 des Handelsvereins von Gießen erwähnt mehrere feinmechanische Betriebe in Gießen, bemängelt aber das Fehlen gut ausgebildeter Gehilfen. Die Geschäfte schienen gut zu laufen, denn Spoerhase gehörte wenige Jahre später bereits zu den Honoratioren der Stadt. Offensichtlich wurde Gießen nach der Berufung Liebigs innerhalb kurzer Zeit zu dem bedeutendsten Zentrum von Präzisionswaagen, denn auch andere Feinmechaniker, wie z.B. Liebricht,  ließen sich im Wirkungskreis der Uni-versität nieder. Die Waagen wurden in alle Welt verkauft.

Nachdem Staudinger 1875 im Alter von nur 61 Jahren verstarb übernahm sein Neffe Franz von Gehren die Werkstatt, die weiterhin als „Staudinger & Comp.“ firmierte.

1876 fand in London eine internationale Ausstellung von Instrumenten für die Wissenschaft statt. Mehrfach wurden die Bedeutung der Gießener Instrumente hervorgehoben. In Ausstellungen des Handelsvereins Gießen und später der IHK Gießen wurden ab 1836 die Instrumente, namentlich chemische Waagen, Luftpumpen, Mikroskope u.a.m. lobend erwähnt und ihren Absatz in Europa und über das Meer als „Gießener Gewerbefleiß“ gelobt. 30% der Produktion wurden in Deutschland, 70% in das Ausland verkauft.

Inzwischen hatte sich bei Präzisionswaagen statt des langarmigen Wiegebalkens ein kurzarmiger, dreiecksförmiger Balken durch Konstruktionen von Paul Bunge in Hamburg durchgesetzt, bei denen der Wiegevorgang zudem deutlich kürzer war. Diese Waagen waren trotz ihrer Vorteile noch sehr umstritten. Ob von Gehren mit ihnen noch zu Lebzeiten experimentierte ist nicht bekannt. Sie setzten sich aber schnell durch, denn mit beginnender Industrialisierung spielte der Zeitfaktor eine immer größere Rolle.

Franz von Gehren verstarb im Alter von nur 51 Jahren 1886. Nach seinem Tode ging die Werkstatt in den Besitz des in Marburg geborenen Wilhelm Spoerhase (1860-1909) über. Der Vater von Spoerhase war Uhrmacher in Marburg gewesen, er selbst hatte eine Lehre als Mechaniker absolviert. Spoerhase widmete sich mit Leidenschaft der Weiterentwicklung des Waagenbaus und verfeinerte den Bau und die Fertigung von Waagen, vor allem der kurzarmigen. Ende der 1890er Jahre wurde der Bau von langarmigen Waagen aufgegeben. Aus dem Jahr 1908 liegt die erste 64 seitige „Preisliste über Analysewaagen, Probierwaagen und Gewichte“ von „Spoerhase vorm. C. Staudinger & Co.“ vor.

Spoerhase hatte seine Werkstatt an den Stadtrand in die Steinstraße 39 verlegt und sie zu einer kleinen Fabrik ausgebaut. Neben Waagen wurden alle möglichen Messinstrumente hergestellt, die seinerzeit benötigt wurden. Dazu gehörten sog. „Probierwaagen“, mit denen Bestandteile von chemischen Analysen bis zu 0,01 mg bestimmt werden konnte. Mit dem Bau der von Ernst Mach in Marburg entwickelten Einwaage, die mit einem asymmetrischen Waagebalken im Verhältnis 1:10 ausgestattet war und einer um 90° gegenüber der „normalen“ Anordnung drehbar war (zur Benutzung von Rechts- und Linkshänder) war es Spoerhase gelungen, den vollständigen Anschluss an die technische Entwicklung im Feinwaagenbau wiederherzustellen. Dadurch konnte das Auslandsgeschäft ausgebaut werden. In den USA gab es an fast allen Universitäten und Laboratorien teilweise Dutzende von Spoerhase Waagen.

Spoerhase erkrankte mit 48 Jahren derart, dass er die Fabrik 1908 verkaufen musste. Neuer Inhaber wurde Gotthold Hempel (1870-1957). Hempel hatte in Jena bei Karl Zeiss eine Ausbildung zum Feinmechaniker gemacht. Zur Zeit der Geschäftsüber-nahme war er Angestellter an der Universität in Gießen.

Der 1. Weltkrieg unterbrach die bestehenden Auslandsverbindungen, konnten danach aber trotz den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen schnell wieder aktiviert werden. Da immer mehr ungeübtes Personal in den Laboratorien eingestellt wurde, strebte Hempel eine Waage an, die schnell und sicher ablesbar war und mit einer Mechanisierung der Gewichtsauflage ausgestattet war. Tatsächlich überraschte Hempel Anfang der 1930er Jahre mit einer halbautomatischen Waage, bei der Gewichte mit einem Drehknopf innerhalb des Waagensystems aufgebracht und das Ergebnis an einer am Schaltknopf angebrachten Waage abgelesen werden konnte. Hempel hatte in seinem Mitarbeiter Wilhelm Weil einen genialen Konstrukteur, der auch weitere Sonderkonstruktionen entwickelte. Diese „Schnellwaage“ wurde bald von anderen Herstellern kopiert.

Der 2. Weltkrieg unterbrach wiederum das wesentliche Auslandsgeschäft. Gegen Ende des Krieges wurde die Fabrik durch einen Bombenangriff völlig zerstört, bei dem auch alle Dokumente und Aufzeichnungen verlorengingen.

Hempel begann sofort die alten Geschäftsbeziehungen wiederherzustellen. Unter Mithilfe seines Meisters Weil wurde ein behelfsmäßiger Werkstattbetrieb aufgebaut, der sich zunächst auf Reparaturen und Instandsetzungen beschränkte. Hempel hatte auch keinen männlichen Nachfolger und so ging die Firma in den Besitz des 1891 in Gießen geborenen Friedrich Holler über. Holler hatte die Ausbildung zum Feinmechaniker in einem Betrieb absolviert, der auf die Herstellung von Apparaten für medizinische Geräte spezialisiert war und war später bei Leitz in Wetzlar tätig, wo er seine Meisterprüfung ablegte.

Holler baute den Betrieb zu einer modernen Fabrik auf, schaffte einen neuen Maschinenpark an und führte moderne Produktionstechniken ein. Angeboten wurde zunächst das Vorkriegsprogramm. Inzwischen hatten sich aber Wiegemethoden ganz anderer Art durch die sog. Substututionswägung entwickelt. Hierbei ist nur eine Waagschale nötig. Bei Belastung entlastet das System innerhalb der Waage die Gewichtsstücke, bis ein Gleichgewicht hergestellt ist. Dieses System war nicht neu, wurde aber zunächst als ungeeignet betrachtet. Erst Erhard Mettler aus der Schweiz gelang es 1947, eine Serie dieser Wagen anzubieten und stellte sie 1950 auf einer Fachmesse dem Fachpublikum vor.

In Gießen hatte, ohne Kenntnisse der Schweizer Entwicklung, Meister Weil parallel die gleiche Substitutionswaage gebaut. Er hatte, wie er äußerte, diese Waage seit den 30er Jahren „im Kopf fertig“. Hempel griff die Idee schnell auf und diese Waage kam bald nach der Betriebsübernahme zur Aufnahme in das Fertigungsprogramm. Mit dieser Waage konnten bequem und schnell Massen von 0,01 bis 100 Gramm gemessen werden. Zur Erhöhung des Messbereiches konnten zusätzliche Gewichte á 100 Gramm unterhalb des Gehänges angebracht werden.

In keinem Detail der technischen Ausführung ist ein Hinweis dafür zu entdecken, dass Meister Weil durch eine anderswo konstruierte Substitutionswaage beeinflusst worden wäre. Die ersten Exemplare dieser Waage wurden Ende 1950 ausgeliefert. Sie musste jedoch wegen statischer Aufladungen der teilweise verwendeten Kunststoffe umkonstruiert und der jetzt auf dem Markt befindlichen Mettler-Waage äußerlich angepasst und kam im Frühjahr 1952 in den Handel.

In den neuen Räumlichkeiten in der Schottstraße führte Holler die Analysewaagenfabrik „W.Spoerhase vorm. C. Staudinger“ weiter. Wilhelm Weil war nach wie vor technischer Leiter. Es wurden auch Zulieferteile für Leitz hergestellt und auch die Maßschreinerei war durch Fremdaufträge voll ausgelastet. In der Waagenproduktion waren 40 Mitarbeiter, davon 25 Feinmechaniker beschäftigt, dazu kamen noch andere Mitarbeiter und Auszubildende.

 

Mit zunehmenden Alter stellte sich für Holler, der keine männlichen Erben hatte die Frage, wer den Betrieb weiterführen könnte. Nach langer Suche entschied er sich 1957, das Unternehmen an den Schweizer Erhard Mettler zu verkaufen. Mettler stellte alle Feinwaagen auf sein System und seinen Namen um und vernichtete alle Unterlagen von Holler. Das Unternehmen firmierte als „Spoerhase KG“. Mettler erwarb im Norden der Stadt ein großes Gelände, auf dem eine hochmoderne Fabrik errichtet wurde. Ab 1959 wurde das Unternehmen in „Mettler-Waagen Spoerhase AG“ umbenannt und 1966 wiederum in „Mettler-Waagen GmbH, Gießen“ umgeändert. Damit war der Name Spoerhase, der für die älteste deutsche, 1942 gegründete Präzisionswaagenfabrik, aus dem Firmenregister gelöscht.

1973 stellte Mettler die erste vollelektronische Waage vor. Die PT1200 genannte Waage war weltweit die erste vollelektro-nische Waage, die für die höchste Genauigkeitsklasse I zugelassen wurde. Das Produktionsprogramm wurde auf eine Fülle von Instrumente und Analysegeräte für die Industrie ausgeweitet.

1980 verkaufte Mettler sein Unternehmen an das Chemieunternehmen Ciba-Geigy. 1989 akquirierte Mettler die Toledo Scale Corporation, den größten US-amerikanischen Hersteller von Industriewaagen. Aus dieser Verbindung ging das Unternehmen „Mettler Toledo“ hervor. Es folgte ein weiterer Verkauf an den New Yorker Investor AEA Investors, der das Unternehmen an die New Yorker Börse brachte.

Die Produktion wurde in Gießen aufgegeben. Der Standort blieb Vertriebsorganisation für Deutschland. Das Unternehmen ist der weltweit größte Anbieter der meistverkauften Laborinstrumente Waagen, Pipetten und Ph-Meter. Außerdem ist es in der Arzneimittelforschung und der Qualitätskontrolle in der Pharma-, Chemie-, Lebensmittel- und Kosmetikindustrie tätig.