Neuhütte

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Die Geschichte der Neuhütte

 

Die Eisengewinnung im Altertum und hohem Mittelalter im Dietzhölztal

 

Wie archäologische Ausgrabungen zeigen, wurde bereits von den Kelten im Dietzhölztal Eisen gewonnen. Sehr gute Informationen liegen aus der Zeit des Hochmittelalters (1000 – 1500 n. Chr.) vor. Hierbei ist eindeutig, dass das Dietzhölztal eine wichtige Industrielandschaft war, in der Eisen über den eigenen Bedarf hinaus produziert wurde. Das Eisen wurde im direkten Rennverfahren dargestellt, doch befinden sich die entsprechenden Verhüttungsanlagen nicht mehr wie zuvor an den kleineren Bächen und Quellmulden der Berghänge, sondern in den größeren Bachtälern. Zu dieser Zeit waren Hütten und Hämmer in einem Betrieb vereint und erstmals wurde auch die Wasserkraft genutzt. Die Neuhütte bei Straßebersbach geht auf eine dieser alten Waldschmieden zurück. Sie wurde im Jahre 1449 erbaut und war damit ein der ersten auch urkundlich erwähnten Eisenhütten im Dietzhölztal.

Inhaber waren die Waldschmiedebauern Hebel und Hermann, die in den Folgejahren mit der Hütte gute Erträge erwirtschafteten. Das Eisen wurde noch im Rennofenverfahren dargestellt. „Hierbei war man auf gutklassiges Eisenerz angewiesen, da ansonsten viel Eisen in der Schlacke verbleibt und verlorengeht. Das Erz, das mit einem mittleren Stückgewicht zwischen 0,1 und 0,6 kg angeliefert wurde, pochte man an der Verhüttungsstelle klein, gelegentlich wurde es zuvor im Feuer spröde gemacht.  Die Pochung erfolgte auf einem Amboss-Stein, wobei unbrauchbares Material in allen Zerkleinerungsstufen ausgeschieden wurde. Das Erz, das man dann einsetze, hatte etwa Haselnussgröße und die mittlere Erzqualität dürfte bei einem Eisengehalt von etwa 75% gelegen haben.“ (Jockenhövel, Das Dietzhölztalprojekt)
Da die beiden Inhaber der Neuhütte keine Erben hinterließen, ging die Hütte im Jahre 1499 an den Landesherren, dem Grafen von Nassau-Dillenburg über. Die Hütte wurde in der Folgezeit von den Grafen an einheimische Hüttenbetreiber verpachtet.

 

Der Aufschwung der Neuhütte zum führenden Hochofenwerk

 

Im Jahre 1587 wurde auf der Neuhütte der erste Hochofen im Dillenburger Eisenerzrevier errichtet. Damit das notwendige Kapital für den Hochofen aufgebracht werden konnte, hatte sich eine Gewerkschaft gebildet. Sie bestand aus Hans Wolf, dem damaligen die Waldschmiedebauer der Neuhütte, dem Hüttenmeister Peter Sorge von der Steinbrücker Hütte sowie zwei weitere Geldgeber ebenfalls von der Hütte zu Steinbrücken. Als technischen Leiter gewannen sie den Wallonen Hans Caspar.

Mit diesem neuen, leistungsfähigen Hochofen erlangte die Hütte eine so große Bedeutung, dass innerhalb von nur etwa 25 Jahren alle Hütten im Dill-Dietzhölze-Revier auf das Verfahren der Eisenproduktion vom direkten Rennverfahren auf das indirekte Hochofenverfahren umgestellt wurden.

Sorge, auch „Meister Peter“ genannt, war an mehreren Hütten beteiligt und brachte eine große Erfahrung mit. Seine Familie hat bis in das 18. Jahrhundert in der nassauischen Eisenindustrie eine bedeutende Rolle gespielt.

Graf Georg von Nassau hatte jedoch bis 1603 nach und nach alle Anteile am Hochofen von den anderen Inhabern erworben. Im Jahre 1607 verkaufte er die Neuhütte an den Kellner der Grafschaft Dillenburg Alexander Dobener und dessen Ehefrau Katharina.

1613 wurde auf der Neuhütte der Frischhammerbetrieb aufgenommen der mit der Wasserkraft der Dietzhölze angetrieben wurde.

Zu Beginn des 30-jährigen Krieges war die Neuhütte bereits von größerer Bedeutung. Im Jahre 1618 übertrug Graf Johann der Ältere von Nassau-Oranien den berühmten, von der Hütte in Aßlar ausgeliehen Gießmeister und Geschützgießer Johann Hüttenhenn (1590-135), die Aufgabe, auf der Neuhütte Geschützrohre zu gießen. Er goss das ganze Jahr Geschützrohre und dazu auch noch Brunnenrohre.

Den 30-jährigen Krieg überlebte die Neuhütte relativ unbeschadet.

Für 5666 Reichstaler kaufte die Landesregierung im Jahre 1700 die Neuhütte zurück und behielt sie über 100 Jahre in ihrem Besitz. Sie setzte bedeutende Hüttenverwalter, u.a. 1788 Johan Heinrich Jung ein, dessen Familie eine bedeutende Rolle im Eisenhüttenwesen im 19. Jahrhundert spielen sollte. Die Hütte wurde von 1778-80 völlig neu aufgebaut, da sie baufällig und veraltet war. Vor allem wurde ein völlig neuartiger Hochofen aufgebaut, der nicht mehr aus Lehm und Feldsteinen, sondern aus Mauersteinen errichtet wurde, die mit Sand und Kalk zusammengehalten wurden. Auch die Form des Ofens wurde nach neuesten Erkenntnissen verändert, so dass die Gebläseluft besser zirkulieren konnte. Der Ofen war 7,45 m hoch und maß an der breitesten Stelle 2,60 m. Die Gestellsteine kamen aus Treis an der Lumbda. Das Gebläse wurde von einem 15 m hohen Wasserrad angetrieben und lieferte in der Minute 232 Kubikfuß Luft. Die Blasebälge kosteten 200 Gulden. Nach jeder Hüttenreise mussten sie aufwendig ausgebessert werden. Die Gesamtkosten des Neubaus beliefen sich auf ca. 6000 Gulden. Die Holzkohlen wurden aus dem Hessisch-Darmstädtischen, dem Wittgensteiner Land und von Rittershausen bezogen. Das Eisenerz kam aus den Gruben bei Eibach, Sechshelden und Hirzenhain. Jährlich wurden 1200 Wagen (24 000 Zentner) Erz verhüttet. Auf der Hütte waren 7 Arbeiter beschäftigt.

 

Die Neuhütte zu Beginn der Industrialisierungsphase

 

Das Eisenhüttenwesen des Lahn-Dill-Gebietes stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts in hoher Blüte und erlebte bis Mitte des Jahrhunderts, vor allem nach Aufhebung der Zollschranken durch die Gründung des Deutschen Zollvereins im Jahre 1833 und durch die explodierende Eisennachfrage durch die Eisenbahn, seine Glanzzeit. Die Nassauische Landesregierung stellte in den Jahren 1815-1817 eine Erhebung über die Zechen, Eisen- und sonstige Hütten und Hämmer im Herzogtum an. 1815 zählte man insgesamt 19 Hochofenwerke mit 22 Hochöfen. Zusätzlich gab es 24 Hammerwerke. Im Bereich des Bergamtes Dillenburg gehörte die Neuhütte zu dem rentabelsten und modernsten Unternehmen.

Die Neuhütte erzeugte teilweise Roheisen, das sie selbst weiterverarbeitete, teils aber an andere Betriebe zur Weiterverarbeitung absetzte. Das eigene Hammerwerk stellte aus dem Roheisen Fertigerzeugnisse, wie Stabeisen, Fassband-, Schlosser-, Nagel- und Zaineisen, ferner Hufstäbe, Radreifen, Bleche und Draht her.

Als im Jahre 1816 die landesherrschaftlichen Hütten im Dill- und Dietzhölztal verpachtet wurden, erwarb Johannes Nassauer alle Eisenwerke im Dietzhölztal, darunter die Neuhütte, gegen einen jährlichen Gesamtpreis von 5030 Gulden jährlich. Er war jedoch wenig erfolgreich. Die Hütte wurde daraufhin an die Unternehmer Speck & Groos verpachtet.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die Situation der Neuhütte und anderer nassauischer Hochöfen- und Hammerwerke zusehends. Die Holzkohlepreise zogen z.T. dramatisch an und die Konkurrenz aus dem Ausland führte zu einem Verfall der Eisenpreise. Hatte man 1860 für 1000 kg Roheisen noch 133,40 Mark erhalten, waren es 1889 gerade noch 60,50 Mark, also weniger als die Hälfte.

Um in dieser Situation Roheisen noch wirtschaftlich produzieren und absetzen zu können, trat die Neuhütte Anfang der 1850er Jahre dem „Verein zum Verkaufe nassau’schen Roheisens“ bei, einem Verkaufssyndikat nahezu alle Eisenhütten in Nassau. Dieses sicherte wirtschaftliche Verkaufspreise, so dass die Neuhütte die Handelskrisen von 1857-1859 und die Folgezeit gut überstand.

Die Neuhütte blieb auch nach der weitgehenden Auflösung des Syndikats zum Verkauf des nassauischen Roheisens im Jahre 1873 Mitglied des Vereins.

Alle Eisenwerke im Dietzhölztal, mit Ausnahme der Neuhütte, befanden sich bereits im Eigentum im Eigentum von J.J. Jung. 1876 erwarb Jung die ganz nahe der Neuhütte gelegenen bedeutenden Eibelshäuser Hütte. Im selben Jahr gelang es Jung bei einer zweiten Bewerbung endlich auch den Zuschlag für die Neuhütte zum Kaufpreis von 90 000 Mark zu erhalten, nachdem ein früherer Zuschlag von 1845 von der herzoglichen General-Domänendirektion nicht genehmigt worden war. Sein Kauf enthielt neben der Hütte auch alle Werksanlagen und technischen Einrichtungen, Wohnhäusern, Wiesen, Äcker und Wassergerechtigkeiten sowie noch drei Eisenerzgruben. Der für die Zeit ungewöhnlich hohe Kaufpreis erklärte sich vor allem daraus, dass sein Vorgänger Hennes & Co. eine Reihe von Verbesserungen auf der Hütte vorgenommen hatte. So wurde u.a. eine von einer Lokomotive angetriebene Steinbrechmaschine mit verkauft. Vor allem aber war der Hochofen von Hennes & Co. 1875 umgebaut und erweitert worden. Er war nun 9,40 m hoch und sein Kubikinhalt war von 650 auf 1186 vergrößert worden. Nur ein Jahr später erzielte J.J. Jung mit seinen drei Hütten, der Amalienhütte in Niederlaasphe, der Eibelshäuser- und der Neuhütte eine Gesamterzeugung von Roheisen von 3 150 t und von Gusswaren von 5 200 t, zusammen 8 350 t.

 

Strukturwandel gegen Ende des Jahrhunderts, Aufgabe des Hochofenbetriebes

 

Im letzten Viertel des Jahrhunderts kommt es deutlich zu einer Verlagerung des Schwergewichtes von der Holzkohlenroheisengewinnung zur Gießerei im Lahn-Dill-Revier. Grund waren u.a. die extrem steigenden Preise für Holzkohle und die Tatsache, dass sich die Eisenerze des Dillgebietes nicht zur Verhüttung mit modernen Verfahren (Bessemerverfahren, Siemens-Martin-Öfen) eignen. Das Holzkohleroheisen konnte mit dem billigeren Koksroheisen nicht mehr konkurrieren und war den Erfordernissen einer modernen Gießereitechnik nicht gewachsen. 1883 überführte J.J. Jung alle Gruben und Hütten in eine Aktiengesellschaft „Hessen-Nassauischer Hüttenverein“. Das Erzeugungsprogramm der Hütten J.J. Jungs lag weiterhin hauptsächlich auf die Herstellung von Öfen und Herde, wobei jede Hütte noch spezielle Gusswaren herstellte.  Auf der Neuhütte wurden neben Öfen und Herde auch noch Bau- und Kundenguss produziert. 

Auf einigen Hütten der AG wurden Versuche mit Koks- Kupolöfen gemacht, so im Jahre 1879 auf der Neuhütte. Entscheidenden Einfluss auf den Übergang zum Koks- Kupolofenbetrieb hatte der Ausbau des Eisenbahnnetzes (die Dietzhölzbahn wurde 1892 eröffnet), so dass der Koks aus den Kokereien an der Ruhr preiswert bezogen werden konnte. Die Versuche mit dem Kupolofen verliefen positiv, so dass die Neuhütte gleichzeitig mit der Ludwigshütte im Jahre 1886 den Hochofenbetrieb einstellte und zur Kupolofengießerei mit zwei Kupolöfen überging. Damit war die Eisenverhüttung auf der Neuhütte Geschichte geworden. Der Betrieb behielt aber den Namen „Neuhütte“. 

 

Der Gießereibetrieb auf der Neuhütte und das Ende der „Hütte

 

Die Produktion im Gießereibetrieb der Neuhütte erfolgte in der Folgezeit zunehmend nach Kundenwunsch. Ab 1892 wurden Kesselöfen und bald darauf Badewannen produziert. Bereits ab 1908 wurden Heizkessel für Zentralheizungsanlagen hergestellt.

Die sich verschlechternden Situation in der Eisenindustrie führte 1935 zu einem Übergang des Hessisch-Nassauischen Hüttenvereins auf die Buderus’sche Eisenwerke. Auf der Neuhütte wurden u.a. jetzt Stahlblechkesselöfen bis 1953 hergestellt. Es folgte die Gründung einer eigenen Gesellschaft, der Omnical GmbH, für die Produktion von Großkesselanlagen, die zur Verwendung in der Textilindustrie weltweit abgesetzt wurden. Die Gesellschaft wurde 1970 auf Buderus übertragen. 1986 wurde das Werk Neuhütte von der Deutschen Babcock übernommen. 2003 ging die Firma Omnical an die dänische Kesselbaufirma Danstoker A/S über, die im November 2010 von der indisch-britischen Thermax Ltd. übernommen wurde.

Zu Beginn des Jahres 2015 ging die Omnical GmbH in Insolvenz. Das Unternehmen mit 70 Mitarbeitern wurde schließlich von der Firma Viessmann aus Allendorf an der Eder übernommen. Viessmann wollte mit 30 Mitarbeitern den Reparatur- und Servicebereich seines Unternehmens auf die ehemalige Neuhütte in der seit der Gebietsreform von 1971 benannten Gemeinde Dietzhölztal einrichten und gründete dazu die „Omnical Industrieservice GmbH“.

Viessmann gab den Standort aber bereits schon 2015 wieder auf, um ihn nach Dillenburg-Frohnhausen zu verlegen.

Das Gelände der Neuhütte übernahm nun weitgehend die Firma Rittal der Loh-Gruppe, deren Werke in Herborn, Burbach, Eschenburg-Wissenbach und Rennerod 2018 geschlossen werden sollten. Auf der Neuhütte entsteht ein hochmodernes Werk (Industrie 4.0), in den hauptsächlich Edelstahlgehäuse und Schaltschränke aus Edelstahl gebaut werden sollen. Das Werk wird im Jahre 2020 in Betrieb gehen.

 

Heutiger Bestand

Aus dem 19. Jh. befindet sich noch oberhalb des Industriegeländes die ehemalige Verladestation und ein Lokschuppen. Der ehemalige kleine Bahnhof seitlich am Hüttengelände besteht noch. Sichtbar sind auch teilweise die Gleise in das Hüttengelände, die jedoch weitgehend überteert sind.